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Auszug aus "tabula rasa"

von Gion Mathias Cavelty

 

26. Kuh + Standuhr

Ich rannte, bis der Gang vor einer weissen Tür ein Ende fand. Ich stiess sie auf. Türme aus Tausenden von flimmernden Bildschirmen erhoben sich vor mir. Computerstimmen gaben unaufhörlich irgendwelche Zahlen- und Buchstabenkombinationen bekannt: "1001010101 - 1001111010 - 1010010010", "CHOOHCOOHCOOC...", "ACGT - TGCA - GCAT", mit einer Penetranz, dass mir die Ohren schmerzten. Ein riesiger Trichter aus Chromstahl baumelte an dicken Eisenketten von der Decke, genau über einem gigantischen Zinnbottich. Überall surrten und piepsten groteske kleine Roboter. Nun stiessen zehn dieser Maschinenmenschen von einer hohen Plattform eine Kuh in den Trichter. Was dann in die Wanne plumpste, sah aus wie eine Standuhr mit Hörnern und Euter.

Ich packte einen Androiden, der an mir vorbeisausen wollte, am Arm.

"Was ist hier los?" fragte ich.

"Lassen Sie mich unverzüglich gehen", piepte die Blechkonstruktion.

"Ich drehe Ihnen Ihren verrosteten Hals um, wenn Sie mir nicht antworten."

Der Roboter gluckste verstört.

"Unser grosser Meister Earl Grey ist dabei, eine neue Ordnung nach seinen Vorstellungen zu schaffen. Wir - die Demiurgen der neuen Welt - schöpfen aus einem schier unbegrenzten Fundus. Wir haben die ganze Welt hierher verfrachtet und in diverese Räume verteilt."

"Die ganze Welt?"

"Richtig. Und ihre Bestandteile setzen wir neu zusammen. Wir mischen Berge mit Essiggurken, Vulkane mit japanischen Säbeln, Korallenriffe mit Kumulswolken, Kronleuchter mit Kupferminen oder, wie eben vorhin, Kühe mit Standuhren."

"Aber das macht doch überhaupt keinen Sinn!"

"Natürlich nicht. Das ist ja der Wille unseres Meisters. Kommen Sie!"

Der Androide führte mich aus der Computerhalle in einen andern Saal.

"Hier finden sie alle europäischen Hauptstädte", erklärte er. "Links sehen sie Prag, rechts dahinter Rom. Unser Meister ist der Ansicht, dass eine Kreuzung der beiden eine schöne Sache wäre. Prom. Wie tönt das? Na ja... mit Basilikum verfeinert klingt es wahrscheinlich etwas besser... Prasilikom. Nicht schlecht. Im nächsten Raum finden sie alle bedeutenden Bauwerke. Akropolis, Eiffelturm et cetera. Einige Demiurgen sind gerade dabei, das Weisse Haus zu schmelzen, um daraus einen leckeren Zuckerguss anzufertigen. Im nächsten Raum finden Sie alles, was mit Wasser in Verbindung steht."

Tatsächlich sah ich den Pazifik vor mir, das Mittelmeer, die Nordsse, schauerliche Meerestiefen taten sich vor mir auf, Orkane tobten, Schiffe versanken gurgelnd in den schäumenden Fluten, Regenschauer peitschten mir entgegen, Wasserfälle und Sturzbäche brachen aus den Wänden hervor und drohten, mich wegzuspülen.

"Ich habe zu tun", entschuldigte sich die Maschine. "Wollen Sie mich bitte entschuldigen."

"Eigentlich bin ich hier, um an einer Hochzeit teilzunehmen", sagte ich. "Wissen Sie, wo sie stattfindet?"

"Wählen Sie diesen Ausgang", antwortete der Androide und deutete auf eine gelbe Tür.

27. Der Spiegelsaal

Ich machte sie auf und trat über eine hohe Schwelle. Dunkelheit umfing mich. Mit klopfendem Herzen tappte ich vorwärts, die Arme weit ausgestreckt. Plötzlich berührten meine Fingerspitzen etwas Kaltes, Glattes. Ich blieb stehen. Langsam konnte ich etwas erkennen... da stand jemand vor mir...

Aber das war ja ich! Was war bloss mit mir passiert? Mein Kopf steckte zwischen den Beinen, welche nun den ehemaligen Platz der Arme einnahmen. Meine Nase sass an der Stelle, wo der Mund hätte sein müssen, und meine Ohren befanden sich dort, wo einstmals die Augen gewesen waren. Ich war vollkommen durcheinander geraten! Das Unglück musste geschehen sein, als ich vom flüssigen in den festen Aggregatszustand gewechselt hatte! Und einen Meter daneben... da stand nochmals ich! Ich! Und ich! Winzig wie eine Laus, mächtig wie eine Eiche, ganz dick, spindeldürr, flach wie ein Teppich, gewellt, verzogen, gerollt, gebogen, gepunktet, kariert, konjugiert, dekliniert, im Singular, im Pluralis Majestatis, gedrittelt, gevierteilt, gegenwärtig, vergangen, zukünftig, einzigartig, althergebracht, massenangefertigt.

Ich stand mitten in einem Irrgarten aus Spiegeln.

In einem Spiegel war ich ein Bayrischer Illuminat im dreiundzwanzigsten Grad ("Auserwählter und Vollkommener Gross-Schotte des heiligen Andreas, Obermeister aller Spitzen des Dreiecks und Unbekannter Wahrer des Geheimnisses des ehernen Henkelkreuzes").

In einem Spiegel unterwarf ich 64 v. Chr. auf dem Nachhauseweg das Seleukidenreich.

In einem Spiegel hiess ich Knuth Knudsen und pflanzte im südlichen Teil Norwegens Spitzmorcheln an, las viel Ibsen und ging immer früh zu Bett.

In einem Spiegel vollzog sich meine Selbstwerdung dialektisch mittels Widersprüchen zwischen dem Sein und dem Bewusstsein.

In einem Spiegel pinselte ich 34"756 v. Chr. in Tunesien einen blauen Mufflon an eine Höhlenwand.

In einem Spiegel komponierte ich innerhalb einer Viertelstunde die Opern "Agrippina", "Radamisto", "Floridante" und "Jupiter in Argos" und wurde dadurch stadtbekannt.

In einem Spiegel war ich ein ziemlich erfolgloser Spassmacher am Hofe Kaiser Karl V.

In einem Spiegel formulierte ich das Gesetz der 5 (2+3=5) und wurde deswegen von allen Kollegen verspottet. Erst nach vielen Jahren der Demütigungen und Schmähungen mussten sie zugeben, dass ich doch recht hatte.

In einem Spiegel starb ich am 17. Mai 2004 an einem drei Jahre alten Gurkensalat.

Das war nun alles wirklich sehr verwirrend. Ich war froh, als ich den Ausgang aus dem Wirrsaal gefunden hatte und in einen Korridor gelangte.

28. Die Hochzeitsgäste

Vor einer roten Flügeltür erblickte ich eine Gruppe siecher Greise in zerrissenen Smokings, die alle in Rollstühlen aus Chromstahl sassen. Am Boden lagen, in klebrigen Pfützen, Hunderte von leeren Champagnerflaschen, zerbrochene Sektgläser und verwelkte Rosen.

"Findet hier die Hochzeit statt?" fragte ich. Auf eine Antwort wartete ich vergebens. Statt dessen erntete ich schallendes Gelächter.

"Ich bin auch eingladen", sagte ich.

"Das glauben wir gerne", meinte einer amüsiert.

"Wer wird eigentlich heiraten?" bohrte ich weiter.

"Wer heiraten wird?" Ungläubig blickte mich der Sprechende an. "Das ist ja ulkig! Sie erscheinen zu einer Hochzeit und wissen nicht mal, wer wem das Jawort geben will?"

"Der Sprache Hochzeit, hiess es in der Einladung, finde..."

"Die Sprache wartet hinter der roten Tür."

"Soll das heissen..."

"Sie werden begeistert sein von ihr. Sie werden denken, dass Sie in ihr eine loyale Gefährtin gefunden haben. Doch mit der Zeit werden Sie feststellen müssen, dass Sie Ihnen untreu ist und Sie am Laufmeter mit andern betrügt. Bis sie Sie schliesslich fallenlässt und Ihnen ins Gesicht spuckt. Doch dann werden Sie schon längst von ihr abhängig geworden sein. Sie werden nach ihr lechzen, sie auf den Knien beschwören, zu Ihr zurückkehren zu dürfen."

Er machte eine Pause.

"Ich war mal jung und ehrgeizig wie Sie", fuhr er dann fort. "Glaubte, die Sprache zu beherrschen. Bediente mich ihrer, knetete an ihr herum, formte sie nach meinem Belieben. Schuf einzigartige Meisterwerke. Dann liess meine Schöpfungskraft unverhofft nach. Ich wurde müde und krank. Die Sprache hatte sich von mir abgewandt. Meine Talente versiegten. Jahrzehnte warte ich schon darauf, dass sie mir wieder Einlass gewährt. Vergebens. Verfluchte Dirne. Sie lässt sich mit allen ein. Jeder kann sie für seine Zwecke benützen. Doch die Strafe folgt auf dem Fuss. Sehen Sie uns an. Alle wurden wir von einer seltsamen Krankheit befallen, die unsere Körper zerfallen liess und uns in den Rollstuhl zwang."

Aus dem Zimmer drang nun lautes Stöhnen, und stinkende Dämpfe strömten durch die Ritze unter der Tür.

"Trinken Sie auch ein Gläschen!" forderte mich der Alte auf. Unter sonderbaren Verrenkungen holte er eine Flasche Champagner unter seinem Rollstuhl hervor.

"Juhee!" jubelten die andern und führten einen irren Rollstuhltanz auf.

Ich mochte diesem Spektakel nicht länger zusehen. Ich öffnete die Türflügel und trat ins Zimmer der Sprache.

29. Das Vereinigungszimmer

Ein grosses rundes Himmelbett mit scharlachrotem Samtbaldachin nahm praktisch den ganzen Raum ein. Schnitzereien zierten das Bettgestell. Die Füsse des Bettes waren in der Form von Tierklauen gestaltet. In den blassroten Marmorboden waren schwarze Vierecke eingelassen, die entweder ein kleineres Viereck, ein Dreieck oder einen Kreis einschlossen. An den Wänden hingen Jagdtrophäen der besonderen Art: die kaltblütig massakrierten, gehäuteten, skalpierten und grausam verstümmelten Buchstaben des Alphabets. Von den Deckenfresken starrten Ungetüme aus der Mythologie auf das von unzähligen Kerzen erhellte Zimmer.

Goldene Münder, Augen und Ohren waren in die purpurne Bettdecke eingewoben. Sie diente einem ekelerregenden nackten Fleischkoloss als Unterlage, einer feisten, unförmigen, schwitzenden Masse, der beide Beine fehlten und in deren fettiges rotes Haar abgeschmackte Parabeln geflochten waren. In fleischigen Ohrläppchen baumelten billige Partikel, ein Collier aus geschmacklosen Parizipien hing dem Ungeheuer um den Hals, an jedem seiner Finger prangte ein Ring aus derben Pointen. Links und rechts räkelten sich zwei nackte, ans Bettgestell gekettete Mohren, deren Körper mit Hieroglyphen übersät waren.

Als die beiden mich erblickt hatten, richteten sie sich auf. Sie knurrten wie Raubkatzen und winkten mich zu sich ins Bett.

"Alles ist bereit", riefen sie im Chor. "Der Vollzug kann stattfinden. Haben Sie Ihren Bleistift gespitzt? Ist Ihr Tintenfüller geladen? Dann los! Als Vorspiel bietet Ihnen Madame ihren schönen weissen Hintern zur Bearbeitung an. Nur Mut! Besteigen Sie den Olymp der Dichtung. Dringen Sie zu den grossen Mysterien der Sprache vor. Lassen Sie Ihre Ideen sprudeln und Ihrer Phantasie freien Lauf. Verleihen Sie Ihren Träumen konkrete Gestalt. Vollbringen Sie das Grosse Werk! Das Produkt der Vereinigung mit Madame wird sich gewiss vorzüglich verkaufen. Sie werden berühmt werden. Sie werden wichtige Preise erhalten. Man wird Sie ehrfürchtig zitieren. Worauf warten Sie noch? Sagen Sie ja!"

"Das werde ich nicht tun", sagte ich angewidert und verliess das Zimmer durch einen Seitenausgang. Nachdem ich einen weiteren Korridor entlang gelaufen war, traurig und bestürzt, stand ich vor einer Tür aus schwarzem Holz. Unter einigen Anstrengungen gelang es mir, sie zu öffnen.

30. Das Schachspiel

Die Wände des quadratischen Saales, den ich betrat, waren mit schwarzem Samt ausgekleidet. Ein schmales gotisches Fenster mit blutroten Glasscheiben war in die Mitte jeder Wand eingelassen. Am Boden wechselten sich 64 schwarze und weisse Marmorplatten nach dem Schachbrettmuster ab. 63 Felder besetzten regungslose Gestalten. Als ich sie mir genauer ansah, staunte ich nicht schlecht: da standen der Priester, der Physiklehrer, der Papst, das Polarschnabeltier, der Pelzhändler, Professor Passavanti, der Pressefotograf, der Pate, der Polizist und sein Kollege, die beiden Pottwale, Plattfussindianer...

Ich stellte mich auf das leere Feld.

"Sie auch hier?" brummte der Nachbar zu meiner Rechten. Es war der schwarze Pudel.

"Dante!" sagte ich. "Wissen Sie, was hier gespielt wird?"

"Keine Ahnung. Wenn ich ehrlich sein soll, habe ich das Gefühl, dass ich hier wieder mal in eine schöne Scheisse hineingeraten bin. Diese lethargischen Figuren hier machen nicht den Anschein, als ob..."

Eine Computerstimme unterbrach: "In wenigen Augenblicken wird er hier sein, unser verehrenswürdiger, gnadenreicher, göttlicher Herr, Gebieter und Schöpfer, der grosse Earl Grey!"

Posaunen erschallten. Ein kleiner Mann in einem weissen Arztkittel und pomadeglänzendem schwarzem Haar stelzte im Stechschritt in den Saal, begleitet von einem ätherischen Wesen in purpurner Kutte, das über den Boden zu schweben schien.

"Die Schlacht zwischen Irrsinn und Vernunft", fuhr die Stimme fort, "wird hier und heute entschieden werden, ein für allemal und unwiderruflich. Der grosse Earl Grey wird sich mit seinem Widersacher Glava-Moz messen. Der Verlierer des Wettstreits ist des Todes."

"Also", sagte Earl Grey, nachdem er sich am Rand des Spielfeldes aufgestellt hatte. "Dann würde ich mal sagen, hmmm..."

Er legte beide Hände in den Nacken und pfiff leise vor sich hin.

"Wie wollen Sie Schach spielen", empörte sich Glava-Moz an dieser Stelle, "wenn alle Felder von Figuren belegt sind?"

"F 4, B 1 und A 5 müssen raus", entschied Earl Grey, ohne auf Glava-Moz einzugehen.

"Moment mal", protestierte dieser. "Das ist absurd!"

"Halten Sie Ihr Maul."

"Sie können doch nicht..."

"F 4, B 1 und A 5 müssen raus, habe ich gesagt."

"Die Figuren müssen leere Felder zur Verfügung haben, um ihre Züge ausführen zu können."

"Der Sinn des Spiels besteht wohl darin, die Figuren des Gegners zu eliminieren."

"Sie haben offensichtlich nicht die geringste Ahnung von..."

"Himmelherrgottnochmal!" fluchte Earl Grey, holte ein schwarzes Maschinengewehr unter seinem Kittel hervor und ballerte Glava-Moz ein paar Kugeln ins Gesicht. Die Kutte sank zerfetzt zu Boden.

"So. Und jetzt, liebe Freunde", verkündete er, "folgt..."

31. Die Nacht des Festes

Nun regnete es Mondtische, Dunststühle, Trompetenteller, Trommelfelltassen, Gitarrenmesser, Liturgiegabeln und eine Menge anderes Zeug.

"Willkommen zum grossen Fest!" hauchte Earl Grey, der nun einen albernen violetten Glitzersmoking trug, in ein Mikrophon. Von zwölf aufgespannten Regenschirmen umtanzt, stieg er zur fetzigen Musik einer Bigband lässig eine breite Showtreppe aus Marzipan herab. Mindestens zwanzigtausend Kerzen entzündeten sich, ein Chor besoffner Medizinbälle stimmte Bruckners "Te deum" an, dann wurde der Hauptpreis des Abends, ein Panzerkreuzer aus dem Zweiten Weltkrieg, an einen Plattfussindianer verliehen, der unter Freudentränen gestand, in seinem ganzen Leben noch nie so glücklich gewesen zu sein.

"Und genau das", verkündete Earl Grey, "ist der Sinn der heutigen Nacht! Jedermann soll glücklich sein! Dafür sind wir da! Ich.. und meine reizende Assistentin! Begrüssen Sie zusammen mit mir... Samantha!"

Donnernder Applaus ertönte, eine verlauste Mumie schleppte sich auf die Bühne und gab einige primitive Anekdoten aus ihrem Leben zum besten. Das Publikum klopfte sich grölend auf die Schenkel, dann wurde zu den Klängen einer niederbayerischen Blaskapelle geschunkelt, was das Zeug hielt. Es folgte ein kurzer Werbeblock, den ich geschickt nutzte, um mit dem Pudel Kontakt aufzunehmen.

"Ich weiss nicht recht, was ich von dem Ganzen halten soll..."

"Sie haben"s doch gehört. Jedermann soll glücklich werden."

"Machen wir, dass wir aus diesem Irrenhaus verschwinden."

"Wieso denn?" fragte der Pudel spitz. "Ich wäre ja blöd, wenn sich hier meine kühnsten Wünsche erfüllen sollten und ich mir das entgehen liesse."

"Yeah!" kündigte Earl Grey den zweiten Teil des Programmes an. "Amüsiert ihr euch?"

"Earl Grey! Earl Grey! Earl Grey!" skandierte das Publikum. "Erhabener Meister! Göttlicher Spassvogel! Unser aller Herr! Klein wie Würmer sind wir im Vergleich zu dir!"

"Aber ich bitte euch!"

"Klein wie Staub!"

"Jetzt lasst"s mal gut sein."

"Klein wie... wie..."

"Genug. Als nächstes folgt die Polonaise der lustigen Elefanten."

Dreissig grüne Elefanten trampelten durch den Saal und posaunten bekannte Schlagermelodien in den Zuschauerraum. Hernach vollführten geflügelte Pferde atemberaubende Loopings in der Luft. Nun kam die Stelle, wo Earl Grey die speziellen Wünsche seiner Gäste erfüllen wollte.

"Hat jemand einen Wunsch?"

"Ich! Ich!" rief eine nervöse Stimme.

Ein bärtiger Mann in einem Wollpullover stieg auf die Bühne. Irgendwo hatte ich ihn schon gesehen... plötzlich fiel es mir ein: Es war der Mathematiker aus dem Buchlabyrinth.

Earl Grey schüttelte ihm mit einem strahlenden Lächeln die Hand.

"Sie suchen die perfekte Zahl, stimmt"s?"

"Stimmt!" gab der Mathematiker zu. "Mein ganzes Leben habe ich danach gesucht, an nicht anderes denken können, Tag und Nacht."

"Und jetzt werden Sie endlich die Lösung erfahren!"

Eine riesige Glaskugel, die eine grosse Menge numerierter Pingpongbälle enthielt, schwebte in den Saal. Die Kugel drehte sich ein paarmal um ihre Achse, die Bälle wurden wild durcheinandergeschüttelt.

"Die perfekte Zahl", verkündete Earl Grey, öffnete ein kleines Fensterchen und holte einen Ball heraus, "ist..."

Er machte eine Pause. Die Spannung wurde unerträglich.

".. die 24!"

Fanfaren erschallten, von der Decke plumpsten tonnenweise bunte Bonbons, der Mathematiker fiel glückselig auf die Knie und stammelte: "Danke! Danke!"

"Nichts zu danken! Gibt"s noch andere Wünsche?"

"Prego!"

Diesmal war es Virgilio, der Architekt aus dem Buchlabyrinth, der auf die Bühne stürmte.

"Sie wollen den höchstmöglichen Turm bauen?"

"Esatto."

"Kein Problem!"

Mozarts Jupitersymphonie ertönte, dienstfertige Freimaurer schichteten unermüdlich Steinquader auf Steinquader, in Windeseile entstand ein Turm, der höher und höher wurde, bald die Decke des Saales durchstiess und sich nach und nach in der Unendlichkeit des Alls verlor.

Viele Wünsche wurden noch erfüllt, die Harfenistin wollte die perfekte Melodie hören, worauf die Sonne hereinflog und eine Arie sang, die allen sehr gut gefiel.

Schliesslich wagte auch ich, meinen Wunsch auszusprechen.

32. Quifezit

Auf einen Schlag herrschte Totenstille im Saal.

"Sie wollen das BUCH?"

"So ist es", bestätigte ich.

"Die Show ist zu Ende!" schrie Earl Grey ausser sich vor Zorn. "Aus! Vorbei!"

Wuchtig schloss sich vorne ein schwerer schwarzer Vorhang, was einen Luftzug von immenser Kraft erzeugte. Die Anwesenden wurden kreuz und quer durch den Raum gewirbelt, ein unüberblickbares Gewirr aus Armen, Beinen und Flossen entstand, ein gordischer Knoten aus Köpfen, Leibern und Gliedmassen. Politiker und Polizisten, Priester und Pottwale gab es nicht mehr, dafür Rollpaipel, Iesper, Woitiketts und Totzripeln. Alles war komplett aus den Fugen geraten, nichts mehr, wie"s gewesen.

Es wurde dunkel, ich verlor den Boden unter den Füssen, wurde um Jahrmillionen zurückgeworfen, rutschte durch Fruchtwasser und Ursuppe, schlitterte über glitschige Planetenplazenten, versuchte mich ans Skelett des Weltalls zu klammern, bekam es nicht zu fassen, stürzte kopfvoran durch Schwefeldampf, Sternensperma und Kometenstaub, liess den Urknall hinter mir und erreichte den ersten Tag der Schöpfung.

"Schwester, die Zwangsjacke", hörte ich von fern Dr. Graus Stimme.

Etwas musste nun passieren. Und zwar schnell.

"Es werde Ficht!" schrie ich. "Es werde Gicht! Es werde..."

Da! Ein schwacher Lichtschein. Eine kleine Lampe. Ein Tisch. Ein Buch. Eine schreibende Gestalt.

"Verschwinden Sie!" rief sie zu mir herüber. "Sie stören den Schöpfungsakt."

Ich machte mich daran, den Tisch zu entern, der gefährlich im Nichts schwankte.

"Haben Sie verstanden?" giftete die Gestalt.

Keuchend hievte ich mich auf den Tisch.

"Wer sind Sie überhaupt? Sie kommen in meinem Buch gar nicht vor!"

"Das ist doch die Höhe! Soviel ich weiss, bin ich es, der Sie schreibt!"

"Lügner! Betrüger! Hybrider Sack!"

"Lügner! Betrüger! Hybrider Sack!"

"Sie sind ja vollkommen wahnsinnig!"

"Sie sind ja vollkommen wahnsinnig!"

Auge in Auge sassen wir uns gegenüber. Übersprangen ein paar Zeilen. Näherten uns dem Schluss. Bogen auf die Zielgerade ein, Kopf an Kopf.

"Das letzte Kapitel!" sagte ich.

"Das letzte Kapitel..."

33. Das letzte Kapitel

... sagte der andere. Will sagen: Ich schrieb, dass der andere sagte. Schliesslich sitze ich hier am Tisch, das Buch liegt aufgeschlagen vor mir, und ich schreibe: "... sagte der andere. Will sagen: Ich schrieb, dass der andere sagte." Das ist der eindeutige Beweis. Und ich möchte nicht wissen, was mit dem armen Kerl passiert, wenn ich das Buch zuklappe. Im Nichts würde er verschwinden. "Doch Sie ebenso", schreibe ich, dass der andere sagt.

Damit könnte er nicht Unrecht haben. Um mich herum ist es nämlich stockdunkel, ich bin von rabenschwarzem Nichts umgeben, und kalt ist es, ein scharfer Wind pfeift mir um die Ohren, ich fliege, fliege mit einem Höllentempo durch das Nichts und muss mich gut an meinem Schreibtisch festhalten, sonst würde ich gnadenlos fortgeblasen.

Ich möchte Sie nun nicht mehr länger aufhalten. Bevor Sie das Buch zumachen und mich meinem Schicksal überlassen, werfen Sie doch noch einen Blick auf das allerletzte Kapitel. Dort sind wir nämlich angelangt. Ich bin eben dabei, es zu überfliegen. Wir - Sie und ich - müssen es selber schreiben. Machen wir das beste daraus. Wir könnten eine Welt erschaffen. Die beste aller möglichen. Oder die nächstbeste.

Auf Wiedersehen.

34. Das allerletzte Kapitel

a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a ab ab ab ab ab ab ab ab ad ad ad ad ad ad ae ae ae ae ae aes aet aet al al al ali ali am am am an ar ar as as as as au au aus ba ba ba ba ban bant bant bant bat bat bat bat bat bat bat bat bat be be be be be bem bem ben ben ben ben bes bi bi bi bi bi bi bi bi bi bi bis bo bra brac bri bus bus bus bus bus bus bus bus ca ca ca ca ca cae cae cae cae cae cae cae cae cae cae cae cam cam cant car ce ce ce ce ce ce ce ce ce ce cen cen cens cep cer cer ces ces cha chi ci ci ci ci ci ci ci ci ci cin cin cir cir cir cis cis cis cis cis cis cit cit cit cli clu co co co co co coe coep cog con con con con con con cor cor cor cor cor cor cor cre cres cres cu cu cu cu cu cum cum cum cum cum cum cum cum cum cum cunc cunt cus da da da da da dae dae das das das de de de de de de de de de de de de de de de de de de de de dem dem dem dem dem dem den den des des dex di di di di di di di di di di di di di di di di di di di di di di di di di dif dis dis dis dis dis dis dis dis dis dis dis dis dit dit dit dit dit dit do do do do do du du du du du du du duc dum dum dum dum dum dum dum dus dus dus e e e e e e e e e e e e e e e e e e e e e ef ef em em em em en en ent er er er er er er er er ers est est est est est est est est est est et et et et et et et et et et et et et et et et et et et et et et eu ex fa fa fae fe fe fe fer fer fert fex fi fi fi fi fin fla flam fle flu flu flu fo fo fon for for for fos frat fre fri fri fron fu fu fu fu ful ful ga ga ga gae gant ge ge ge ge ge ge gen gens ges ges gi gi gi gi gi gi gi gi git git git glo go go go gra gra gran gri gu gu ha ha ha ha ha haec hanc he he his his his his ho ho ho hor hu huc huc hunc i i i i ia ig ig il il il il il il il il im im im in in in in in in in in in in in in in in in in in in in ip is is is is is is is is it it it it it it iu iu iu iunc ius ius ius ius la la la la la la la las le le le le le le le le le le le les les les 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se se se se se se se sec sed sep set si si si si si si si si si si si si si si si si si si si sc sic sic sic sic sil sim sis sit sit sit sit sit sit sit so so so so so so so sor sos spe spec spi spis spon sta sta stag sti su su su su su su su su su su su su sub sub sub sub sum sum sunt sup sur ta ta ta ta ta ta ta ta ta ta ta ta ta ta ta ta ta ta ta ta ta ta ta ta ta tae tae tam tam tam tan tan tan tan tas tas tas te te te te te te te te te te te te te te te te te te tel tel tel tel tel tel tel tel tem tem tem tem tem ten tent ter ter ter ter ter ter ter ter ter ter ter ter tes tes tes tes tes tes thi ti ti ti ti ti ti ti ti ti ti ti ti ti ti ti ti ti ti ti ti tim tim tin tis tis tis tis tis tis to to to to to to to to to to to to to to tol tor tos tot tra tra tra tra tra trac tri tri tro tru tu tu tu tu tu tu tu tu tu tu tu tu tum tum tum tur tur tur tur tur tus tus tus tus tus tus u u u u u u u u ud ul ul um un un un un un unt us us us us us ut ut ut ut va va va val vas ve ve ve ve 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