von Gion Mathias Cavelty
(unzensierte, unlektorierte Urversion!)
Wen wundert's, dass mein Heiligenschein nach diesem Vorfall verschwunden war. Ich zog aus dem päpstlichen Schloss aus und quartierte mich im kleinen Bungalow des Polarschnabeltiers ein. Unser Einkommen verdienten wir uns durch zithern. Es war ein hartes Leben, doch wenn wir abends am Kaminfeuer sassen, vergassen wir die Sorgen des Alltags.
"Du hast so ein weiches Fell", pflegte ich manchmal zu sagen, und das Schnabeltier erwiderte dann: "Pfoten weg von meinem Fell!", und wir lachten und lachten.
Das ging einige Zeit gut so, bis ich mich zu langweilen begann. "Ich habe das Gefühl, du hast nur deine Zither im Kopf!" sagte ich einmal zum Schnabeltier, das die Gewohnheit hatte, seine Zither sogar ins Bett zu nehmen. "Wir könnten doch mal was Lustiges unternehmen... Kino oder Theater oder so."
"Du weisst genau, dass ich heute noch drei Stunden zithern üben muss."
"Schon gut, schon gut", sagte ich und ging schlafen.
Eines Tages beobachtete ich das Polarschnabeltier, wie es heimlich ins Haus des fetten Pelzhändlers schlich, der neben uns wohnte.
Als es nach drei Stunden zurückkehrte, stellte ich es mit den Worten: "Du triffst dich also mit anderen."
"Wie bitte?"
"Ich habe dich beobachtet. Du hast gesagt, du gingest einkaufen, doch stattdessen warst du im Haus des Pelzhändlers."
Das Schnabeltier blieb stumm. Ich fiel auf die Knie und begann zu schluchzen.
"Warum nur, warum? Was habe ich falsch gemacht?"
Fortan war das Schnabeltier fast jeden Abend beim Pelzhändler zu Gast. Es war für mich eine Zeit der grössten Verzweiflung, und ich begann, Apfelsaft zu trinken.
"Hast du wieder getrunken?" fragte das Schnabeltier jedesmal spöttisch, wenn es spät in der Nacht von seinen Seitensprüngen heimkehrte. "Schau mal, was für einen schönen Nerzmantel ich geschenkt bekommen habe!"
Eines abends kam das Schnabeltier nicht mehr zurück. Ich wartete bis um Mitternacht und ging dann zu Bett. Am nächsten Morgen suchte ich den Pelzhändler auf.
"War das Schnabeltier nicht bei Ihnen letzte Nacht?"
"Letzte Nascht?" fragte der Pelzhändler, der sich Mühe gab, mit einem französischen Akzent zu sprechen, obwohl er aus Litauen stammte und seiner Lebtag nie in Frankreich gewesen war, "Non, pas du tout."
"Was haben Sie mit ihm gemacht?"
"Maschen? Was sollen isch maschen mit Schnabeltier?"
"Was ist das für ein Pelz, den Sie da um Ihren Hals tragen?"
"Pelz? Wo Pelz? Isch sehen nischts, monsieur."
"Da ist ja noch der Schnabel dran! Sie Bestie! Sie Scheusal!"
"Isch kann alles erklären!" stammelte der Pelzhändler. "Votre Schnabeltier, voyez, il..."
Doch ich konnte kein Wort mehr hören. Traurig machte ich mich auf den Weg zum alten Turm.
Ich stieg zur Wohnung des Priesters hinauf und klopfte. Sofort sprang die Türe auf.
"Ich will Sie um Verzeihung bitten und Ihnen meine Fehltritte beichten", begann ich.
"Verschwinden Sie! Ihre Schandtaten sind mir bekannt. Ihnen kann nicht verziehen werden", sagte der Priester.
"Aber..."
"Nein."
Der Priester schlug die Türe zu.
Traurig verliess ich den Turm und eilte stundenlang durch die grauen Strassen der Stadt. In einem verlassenen Hinterhof entdeckte ich gegen Abend ein Haus, an dessen Türe 'Antiquariat' angeschrieben war.
"Kommen Sie rein, kommen Sie rein!" hörte ich eine tiefe Stimme sagen. Ein alter Mann grinste mich hinter einer Theke aus einem zahnlosen Mund an.
"Ich habe etwas für Sie. Dieser Geigenkoffer hier", und bei diesen Worten holte er einen grünen Geigenkoffer unter der Theke hervor, "ist etwas sehr Spezielles. Ich habe ihn von einem alten indischen Sekundarschullehrer übernommen, der kurz darauf den Geist aushauchte."
"Was soll an diesem Geigenkoffer speziell sein?" fragte ich. "Ausser seiner zugegebenermassen recht ansprechenden grünen Farbe?"
"Das Spezielle", antwortete der Alte, "ist, dass Sie darin so viele Dinge unterbringen können, wie Sie nur wollen, und seien diese auch noch so gross."
"Das kaufe ich Ihnen nicht ab. In einen Geigenkoffe von schätzungsweise 50 x 30 x 15 cm..."
"50 x 35 x 20 cm, mein Herr."
"Sei's, wie es will. In diesen Koffer passen jedenfalls nur Gegenstände, die ein kleineres Volumen haben als er selbst."
"Dann schauen Sie mal zu. Ich steige jetzt in den Koffer - Sie werden zugeben müssen, dass mein Volumen dasjenige des Koffers übertrifft - ich bin drin, mache den Deckel zu, fertig."
Der Alte war tatsächlich im Geigenkoffer verschwunden.
"Kommen Sie sofort wieder raus!" rief ich. "Sie können mich nicht reinlegen!"
"Das liegt mir fern."
"Da sind Sie ja wieder. Ihre Vorstellung hat mich belustigt. Ich nehme den Koffer wegen seiner interessanten Farbe. Was bin ich Ihnen schuldig?"
Mit dem Geigenkoffer in der Hand irrte ich stundenlang herum, ziellos, ich hatte mich verirrt und war froh, als ich gegen Mitternacht ein Stimmengewirr vernahm. Ich folgte ihm und stand plötzlich vor einem Gebäude, das ich gut kannte: Es war das Restarant.
"Wollen Sie nicht Platz nehmen?" fragte mich ein übereifriger junger Kellner, den ich noch nie hier gesehen hatte, und führte mich an einen runden Tisch in einer Ecke. "Ich heisse Gundel", sagte er, als ich Platz genommen hatte. "Die fünf sousaphonförmigen Barhocker dort drüben habe ich alle selber gedrechselt. Monatelang sass ich in der Werkstatt und drechselte und drechselte, bis sie perfekt waren. Doch niemand schätzt meine Arbeit, niemand nimmt Notiz von der Schönheit meiner Hocker..."
"Einen, äh, Kaffee bitte."
"... und deswegen werde ich mich jetzt ersäufen. Adieu!"
Nach diesen Worten rannte der Kellner in die nächtliche Stadt. Auch heute sollte ich offenbar nicht in den Genuss eines Kaffees kommen.
Ich sah mich um; überall sassen die seltsamsten Gestalten, die man sich vorstellen kann, und ohne den Pudel kam ich mir hier sehr verlassen vor.
Ich wollte eben aufstehen und gehen, als ein blaues Licht auf eine improvisierte Bühne aus Brettern fiel, die sich neben der Theke befand und auf der ein schwarzes Piano stand. Auf die Bühne trat eine junge schwarzgekleidete Frau, schön, traurig, übersinnlich, verlockend. Sie nahm auf einem Hocker Platz, überprüfte kurz das Instrument und begann dann zu spielen.
Ihre Musik war noch viel schöner, trauriger, übersinnlicher und verlockender als sie selbst.
"Guten Abend" hörte ich plötzlich eine vertraute Stimme sagen.
"Dante?" fuhr ich auf. "Sie sind's?"
"Höchstpersönlich." Der Pudel grinste und steckte sich eine Zigarette an.
"Ich dachte, Sie seien tot."
"Tot? Ich? Absurd. Sie sollten nicht so laut schreien, Sie stören die schöne Musik. Falls es Sie interssiert: Ich werde die Stadt verlassen und zu neuen Ufern aufbrechen. Sie können mich begleiten, wenn Sie wollen."
"Ich wüsste nicht, was ich lieber täte", sagte ich wahrheitsgetreu. Auch mich hielt nichts mehr in dieser Stadt.
"Die Pianistin - Sie erinnern sich doch an sie? - wird uns begleiten. Wir reisen in fünf Minuten ab. Ich hoffe, Sie haben Ihren Koffer gründlich imprägniert, um sicherzugehen, dass ihm das Meerwasser nichts anhaben kann. Wir reisen zu Wasser."
"Der Typ sieht ziemlich kaputt aus, was meinst du?" fragte Schneller Pflock.
"Allerdings", gab ihm sein Kollege Grosser Pfifferling recht. "Wollen wir ihn uns unter den Nagel reissen?"
"Ach was, der gibt nicht viel her."
"Da!" rief Grosser Pfifferling. "Er ist aufgewacht!"
Schneller Pflock holte ein Fernglas hervor.
"Was macht er?"
"Er öffnet seinen Koffer", sagte Schneller Pflock. "Hast du Töne! Da ist doch gerade ein schwarzer Pudel rausgehüpft. Er macht nicht gerade einen zufriedenen Eindruck. Er versetzt ihm einen Tritt nach dem anderen ans Schienbein und schimpft, was das Zeug hält. Und jetzt... jetzt kommt eine in ein schwarzes Kostüm gekleidete Tussi zum Vorschein, die wie wild mit den Armen fuchtelt. Sie holt ein schwarzes Piano aus dem Koffer und spielt eine Art Protestmarsch."
"Diese drei seltsamen Subjekte bringen uns Unglück, ich garantier's dir. Wir sollten sofort den Häuptling verständigen, was meinst du?"
"Elender, Schänder, Tunichtgut!" fluchte der Pudel. "Mir ist kotzübel geworden im Koffer wegen Ihrer Steuerkünste!"
"Ihre Vorwürfe sind absolut ungerechtfertigt", versuchte ich mich zu verteidigen.
"Ach, halten Sie Ihr Maul!" schimpfte der Pudel weiter. "Wo sind wir hier eigentlich?"
"Woher soll ich das wissen?" gab ich zurück. "Eine Insel scheint's zu sein, eine normale Insel mit einem unverdorbenen Sandstrand und einem intakten Palmenurwald, keine Spur von menschlichem Einfluss ist zu erkennen..."
"Hierhin wollte ich ganz sicher nicht."
"Mir reicht's. Wessen Schuld ist es, dass wir hier sitzen? Sie wollten doch unbedingt zu neuen Ufern aufbrechen. Wo bleibt Ihr Pioniergeist?"
"Ich habe Hunger", wechselte der Pudel das Thema.
Die Pianistin klimperte in einer Lautstärke, dass meine Ohren wehtaten. Ich lief eine Weile am Strand entlang, fand einen Seeigel und rupfte ihm stundenlang seine Stacheln aus.
"Wollen Sie ein Stückchen Seeigel?" fragte ich die Pianistin, die immer noch wie wahnsinnig in die Tasten haute, als ich zurückgekehrt war. "Ich bin überzeugt, dass er hervorragend schmeckt."
"Mit Ihnen rede ich kein Wort", sagte die Pianistin und zeigte keine Reaktion mehr. Wenn ich nur gewusst hätte, warum sie so wütend war. Waren es die 12 Millionen, die ich ihr noch schuldete?
"Schauen Sie mal die schöne Burg, die ich gebaut habe!" rief der Pudel an dieser Stelle und zeigte stolz auf eine Versailles-Miniatur aus Sand.
"Phantastisch!" sagte ich. "Ich schlage vor, wir erforschen jetzt den Urwald."
Ich verstaute das Piano im Geigenkoffer und lief voran. Der Pudel und die Pianistin folgten mir.
Die nächsten drei Tage kämpften wir uns durchs Dickicht, es war kalt, es regnete ununterbrochen, mehrere Male wären wir fast im Sumpf versunken, respektive von riesigen Schlangen erwürgt worden. Die Euphorie, die ich zu Beginn des Unternehmens verspürt hatte, war, als wir zum siebenunddreissigsten Mal vor einem Schlammloch standen und wieder umkehren mussten, definitiv dahin. Ausser ein paar Wurzeln assen wir nichts. Ich war es überigens, der sie ausbuddelte und an einem Lagerfeuer briet, meine Begleiter steuerten nichts zu einem besseren Klima bei, die Pianistin stampfte mir mürrisch hinterher und sprach, wie sie es angekündigt hatte, weder mit mir noch dem Pudel; letzterem schien das ganze Unterfangen plötzlich einen Riesenspass zu machen, er hopste pfeifend herum und rezitierte zu den unpassendsten Momenten Hemingway.
Am vierten Tag nach unserer Landung glaubten wir endlich, Spuren von menschlicher Zivilisation entdeckt zu haben. Unvermittelt standen wir nämlich vor einer kleinen Siedlung im Urwald, die aus einem guten Dutzend an Hässlichkeit nicht zu überbietenden Lehmhütten bestand.
"Die Insel ist bewohnt!" rief der Pudel aus.
"Moment mal!" warnte ich. "Wir wissen nicht, wie uns die Leute hier gesonnen sind. Wir könnten in die Hände von Kannibalen oder anderen abartigen Gesellen geraten, die Schlimmes mit uns vorhaben."
"Ach was!" entgegenete der Pudel und rief so laut er konnte: "Halloooooo!"
"Sind Sie denn wahnsinnig?" zischte ich. "Verschwinden wir von hier, solange es nicht zu spät..."
Doch es war zu spät. Wir waren von einer Schar äusserst merkwürdig aussehender Gestalten eingekreist, die eine nicht definierbare Mischung aus Menschen, Tieren und Pflanzen darstellten. Sie glucksten, grunzten und furzten und schienen sich bestens zu amüsieren.
"Sehr geehrte Damen und Herren!" verkündete der Pudel ungerührt. "Wir freuen uns, dass Sie so zahlreich erschienen sind. Als erstes hören Sie die Arie 'La calunnia è un venticello' von G. Rossini."
"Was soll das?" flüsterte ich nervös und versuchte verzweifelt, dabei ein strahlendes Lächeln an den Tag zu legen.
"Gesang: Don Basilio, Klavier: Donna Rosina", sagte der Pudel und deutete auf die Pianistin und mich, "Bitteschön."
"Ich dreh Ihnen den Hals um, Sie..."
Unter dem Applaus und Gejubel des Gesindels holte ich das Piano aus dem Geigenkoffer.
"Wie schon gesagt... die, äh, calunnia und so weiter", murmelte ich. "Sind Sie bereit, Donna Rosina?"
Es folgte eine recht eigenwillige Interpretation der Arie, was die Gestalten nicht daran hinderte, in begeisterte Rülpsgeräusche auszubrechen. Nachdem drei weitere Arien zum besten gegeben worden waren, ging der Pudel im Kreis herum und sammelte allfällige Spenden ein, die in Gestalt von Nacktschnecken und wertlosen Kieselsteinen erfolgten.
"Es ist so entwürdigend. Wir ziehen als fahrende Musikanten herum, leiern unsere Liedchen vor diesen Scheusalen herunter, blamieren uns dabei bis auf die Knochen und können froh sein, wenn am Ende ein paar Schnecken für uns herausspringen", sagte ich zum Pudel, als wir wieder unseren Weg unter die Füsse genommen hatten, und musste kräftig husten.
"Ja ja, die Kunst", sagte der Pudel nachdenklich.
"Pardon?" fragte ich.
"Sagten Sie nicht 'Kunst'?"
"Ich? Nein. 'Hust' habe ich gesagt."
"Ach! Hust" sagte der Pudel und schwieg eine Weile. Dann meinte er: "'Der Mann, der zweieinhalb Stunden auf einer Blechbüchse sitzt und 'Schmatatuus! Schmatatuus! Nimm die Pflaume und mahl sie zu Mus!' schreit, hiess der Titel eines modernen Theaterstücks, das ich vor kurzem gesehen habe. Zu sehen war genau, was der Titel versprach, und somit wäre es fehl am Platz gewesen, am Schluss der Vorstellung Unmutsbekundungen von sich zu geben."
"Ich habe keine Lust, mich mit Ihnen über Theater zu unterhalten."
"Literatur? Ich habe kürzlich eine Molière-Gesamtausgabe zum Preis von 9 Franken gekauft und danach für 17 Franken eine Pizza gegessen. Für den Preis von 90 Pizzas hätte ich also 170 Molière-Gesamtausgaben kaufen können, aber wohin damit?"
"Ich bin nicht bei Stimmung, habe ich Ihnen gesagt. Alles würde ich geben, um wieder daheim zu sein. Wem habe ich die ganze Misere zu verdanken? Ihnen. Ich würde lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Oh mein Gott, geht's mir schlecht. So kann es nicht weitergehen. Wenn morgen nichts Aufregendes passiert, blase ich die Expedition ab und vergrabe mich im Sand."
"Häuptling!" sagte Flinker Pflaumenbaum. "Da ist eben eine neue Lieferung eingetroffen."
"Was schickt er uns denn diesmal?" fragte der Häuptling.
"Zwanzig kuriose, aus Plastik bestehende Dinger", antwortete Flinker Pflaumenbaum. "Ich weiss nicht, wozu sie gut sein könnten. Aber dem Paket ist ein Schreiben beigelegt, das die Funktion der Laserpistolen, wie sie offenbar genannt werden, genau erklärt."
"Schön. Lies es durch und gib mir dann Bescheid, wie die Dinger handzuhaben sind. Sonst noch was?"
"Ja. Unser selbsternannter Spion kann offenbar genauere Aussagen über die drei Fremdlinge machen, die letzthin hier gelandet sind. Wir haben ja beschlossen, sie von der Bildfläche verschwinden zu lassen, doch unglücklicherweise ihre Spur verloren. Unser Spion hat ihre Fährte aufgenommen und anerbietet sich, die drei auf Schritt und Tritt zu observieren, für den von ihm geforderten Lohn... Sie wissen ja, was er will."
"Er ist ein verfluchter Speichellecker", sagte der Häuptling langsam, "aber er könnte uns von grossem Nutzen sein."
"Schau mal!" rief der Pudel am fünften Tag.
"Was ist denn?" fragte ich gereizt.
"Da vorne!"
Der Pudel zeigte aufgeregt auf eine riesige unförmige Gestalt, die kreischend einen Hügel hinunterrollte. Es war eine zwei Meter hohe und mindestens ebenso breite Preiselbeere.
"Zu Hilfe! Zu Hilfe! Sonst bin ich verloren!" schrie sie wie am Spiess und warf sich wenige Schritte vor mir zu Boden.
"Was ist denn los?" fragte der Pudel neugierig.
"Ich... ich werde verfolgt", stammelte die Preiselbeere.
"Bei uns bist du in Sicherheit", versicherte ich ihr. "Beruhige dich und berichte uns dann in aller Ruhe, was sich zugetragen hat."
Die Preiselbeere holte einige Male tief Luft. "Zuerst wird es vonnöten sein", sagte sie dann, "wenn ich ein paar allgemeine Worte über die Insel verliere, wobei ich nicht weiss, wie gross euer Wissensstand darüber schon ist."
"Nicht sehr gross", gab ich zu.
"Nun denn. Drei Gruppen von Bewohnern teilen sich den Lebensraum. Die erste Gruppe lebt schon lange hier und hat keinen spezifischen Namen. Sie besteht aus undefinierbaren hässlichen Geschöpfen, weder Fisch noch Vogel, wenn ich's mal so ausdrücken darf..."
"Wir hatten bereits das Vergnügen."
"Die zweite Gruppe ist die der Preiselbeeren. Wir sind sehr friedliche Gesellen und auch schon sehr lange hier beheimatet."
"Und die dritte Gruppe?" erkundigte sich der Pudel.
"Das ist die Gruppe der Plattfussindianer..."
Bei diesen Worten versagte der Preiselbeere die Stimme. Es bedurfte viel guten Zuredens, bis sie weiterfahren konnte:
"Die Plattfussindianer sind vor ein paar Jahren hier gelandet und haben sofort die Herrschaft an sich gerissen. Die Angehörigen der ersten Gruppe wurden in kleine Reservate im Urwald gepfercht, die Preiselbeeren zum indianischen Hauptnahrungsmittel erklärt. Wir werden schonungslos gejagt, abgeknallt, aufgespiesst, gebraten und verschlungen, viele von uns werden auch auf grausamste Weise ihren Göttern geopfert."
"Bestialisch!"
"Heute morgen wäre ich von einem Indianer mit einem grossen surrenden Ding beinahe skalpiert worden. Ich bin davongerannt und glücklicherweise auf euch gestossen. Nehmt mich mit! Für die nächste Zeit zumindest! Ich bitte euch!"
So schloss sich die Beere uns an und streifte gemeinsam mit uns auf der Insel herum. Der Pudel konnte die Beere nicht ausstehen und brachte seine Abneigung klar zum Ausdruck. Doch an der Beere gab es nicht viel auszusetzen, sie sprach nicht viel und entpuppte sich als harmloser, recht langweiliger Zeitgenosse ohne viel Witz.
Des abends sass man am Lagerfeuer, niemand sprach ein Wort (nur der Pudel konnte es nicht unterlassen, ständig Witze über Beeren zu machen), man briet Nacktschnecken und Wurzeln und ging dann schlafen. Ich fühlte mich elend und fragte mich, was mich daran hinderte, mich an einer Palme zu erhängen. Wenn der Pudel nicht gewesen wäre, der mich mit seinen Geschichten hie und da zum Lachen brachte, hätte ich es sicher getan.
(EXKLUSIV FÜR DIE HOMEPAGE UND IM BUCH NICHT VORHANDEN!)
'Ich kann nicht mehr. Ich bin am Ende meiner Kräfte. Doch ich muss mich zusammenreissen und weitereilen. Die Strapazen werden sich auszahlen. Bald werde ich ein Indianer sein. Da vorne ist die Siedlung!'
"Halt!" rief Harter Plastikhirsch. "Wer da?"
"Ich bin's", sagte die Preiselbeere.
"Was willst du?"
"Den Häuptling sprechen. Ich habe wichtige Informationen."
"Raus damit! Ich leite alles weiter."
"Es geht um die drei Fremdlinge. Ich weiss noch nicht genau, was sie vorhaben, aber sie führen mit Sicherheit Böses im Schild."
"Wo halten sie sich im Moment auf?"
"Wenn sie so weitermarschieren wie heute, werden sie morgen mittag den Hals erreicht haben."
"Dann ist es höchste Zeit einzuschreiten. Besten Dank für deine Auskünfte."
"Kriege ich endlich meine langersehnte Belohnung?" bat die Preiselbeere. "Nehmt ihr mich in euren Stamm auf?"
"Vergiss es, miserable Kreatur", sagte Harter Plastikhirsch mit spöttischer Stimme. "Du kannst froh sein, wenn ich dir jetzt nicht den Garaus mache, ich habe nämlich grosse Lust auf frisches Preiselbeerenmus. Pack dich! Und wenn etwas Wichtiges vorfallen sollte, benachrichtige uns!"
"Morgen, Beere", sagte ich nach einer langen Nacht gut ausgeschlafen und erhob mich mit einem Ächzen von meinem Lager, das aus Palmenblättern bestand.
"Waren Sie gestern nacht noch auf einem Spaziergang?" fragte der Pudel.
"Ich... ja", sagte die Preiselbeere. "Was gibt es Schöneres als sich ein bisschen die Beine zu vertreten im Urwald."
"Die Beine vertreten waren Sie sich mit Gewissheit nicht", behauptete der Pudel.
"Nein?"
"Dann dazu müsste man Beine haben, und Beeren haben meines Wissens keine."
"Machen Sie sich nur lustig über mich."
"Und Angst vor den Indianern haben Sie keine mehr?"
"Doch doch", stammelte die Preiselbeere, "Panische!"
"Dann war Ihre nächtliche Eskapade reichlich gewagt, nicht?"
In diesem Moment kam eine Harpune vom Typ 48XL angeschwirrt und landete knapp neben der Pianistin im Sand. Dann ertönte ein Kreischen, und Dutzende von Plattfussindianern stürmten auf die Lichtung, wo wir die Nacht verbracht hatten.
"Nehmen Sie die Beine in die Hand und laufen Sie!" schrie ich.
Die Pianistin, der Pudel und ich flüchteten ins Dickicht, wo wir uns an einem geschickten Ort verstecken konnten. Nach langem und vergeblichem Suchen zogen die Plattfussindianer schliesslich vondannen.
"Das war knapp!" meinte der Pudel.
"Wo ist die Beere? Ihr wird doch nichts zugestossen sein?" erkundigte ich mich.
"Da vorne", rief der Pudel, "liegt etwas am Boden. Wenn ich mich nicht irre, ist es die Beere... tatsächlich! Sie ist von mehreren Torpedos durchbohrt und bedarf unserer Hilfe. Beere! Huhu!"
"Diese Schweine!"
"Was murmeln Sie da?"
"Ich muss Ihnen ein Geständnis machen", stöhnte die Beere. "Ich bin ein mieser kleiner Verräter."
"Was sagen Sie da?"
"Ich habe Sie an die Indianer verraten. Diese sind Ihnen auf den Fersen, seit Sie hier gelandet sind, haben Ihre Spur aber ziemlich schnell verloren. Die einst so begnadeten Spurenleser und gefürchteten Jäger sind heute verfettete degenerierte Trottel, die ohne die technischen Hilfsmittel, die sie regelmässig von einer zweifelhaften Person geschickt bekommen, nicht überleben könnten auf dieser Insel, die überigens keine normale Insel ist, wie Sie bis anhin glaubten, sondern ein riesiger im Meer liegender Frauenkörper. Die Indianer, um diese Tatsache wissend, haben panische Angst, dass Gaja, wie sie die Frau-Insel nennen, eines Tages aufwachen und dadurch katastrophale Erdbeben auslösen könnte. Damit sie ruhig bleibt, stossen sie ihr jeden Monat sieben jungfräuliche Preiselbeeren in den Mund."
"Warum haben Sie uns verraten?" unterbrach der Pudel.
"Weil", antwortete die Preiselbeere, "auch ich ein Plattfussindianer sein, der unterdrückenden Minderheit angehören möchte! Und keine dämliche Preiselbeere, die keinen anderen Lebenszweck hat als gegessen oder geopfert zu werden!"
"Ihre Bestrebungen, mit den Indianern zusammenarbeiten und Ihr eigenes Volk terrorisieren zu wollen, kann ich nur als bestialisch bezeichnen."
"Sie verstehen das nicht. Die Preiselbeeren haben mich nie als einen der ihren angeschaut und akzeptiert, weil ich so klein und schmächtig bin. Sie sollten einmal eine normale Preiselbeere sehen! Sie ist doppelt so gross wie ich und doppelt so rot! Da sehen Sie mein Dilemma", schloss die Beere.
"Also, jetzt hören Sie mal zu!" schimpfte der Pudel giftig. "Wir sind nicht hierher gekommen, um uns die Probleme von paranoiden Preiselbeeren anzuhören..."
"Ist schon gut, ist schon gut!" schluchzte die Preiselbeere. "Adieu zusammen! Ich gehe!"
Mit diesen Worten lief die Preiselbeere davon. Der Pudel nahm dies mit einer gewissen Genugtuung zu Kenntnis.
Hernach wurde entschieden, dass wir in Richtung Osten weitermarschieren wollten. Und so machten wir uns auf den Weg.
Als wir eines späten abends Gajas Kinn erklommen und zum ersten Mal einen Ausblick über die Gesichtslandschaft vor Augen hatten, setzte ein fürchterlicher Sturm ein, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Etwas Bedrohliches zeichnete sich ab.
Die Preiselbeere lief und lief, ohne sich eine Pause zu gönnen. Schliesslich, als es eindunkelte, setzte sie sich auf einen Stein und dachte nach.
"Es ist folgendermassen", sagte sie schliesslich. "Alles hat von Natur aus einen bestimmten Zweck zu erfüllen. Bleistifte sind da, um zu schreiben. Söhne von Ärzten sind da, um Ärzte zu werden. Preiselbeeren sind da, um gegessen zu werden.
Nun kann sich aber jedes Objekt weigern, seien naturgegebenen Zweck zu erfüllen. Bleistifte wollen nicht mehr als Schreibwerkzeug benutzt werden, sondern als Löffel. Söhne von Ärzten wollen nicht mehr Ärzte werden, sondern Altphilologen. Preiselbeeren wollen nicht mehr gegessen werden, sondern... was auch immer. Es ist jedermann möglich, das zu sein und zu tun, was er will. Ich für meinen Teil weiss endlich, was ich sein und tun will. Kein blutrünstiger Plattfussindianer mehr und Leben auslöschen. Keine Preiselbeere mehr und gegessen werden. Nein. Ich will eine lebensspendende Funktion übernehmen. Ich will eine Spermienzelle sein."
Nach diesen Worten begann sich die Preiselbeere zu mutieren, bis sie schneeweiss war und einen langen Schwanz hatte.
"Was ich jetzt zu tun habe, ist mir klar."
Nachdem sie diese bedeutungsschweren Worte ausgestossen hatte, schleppte sich die Spermienzelle Richtung Westen davon.
"Wo ist der grüne Geigenkoffer?"
Der pygmäenhafte Mann, der diese Frage stellte, kam selbst dem Besitzer des Antiquariats im verrufensten Viertel der Stadt nicht geheur vor - eine dämonische, unheilverheissende Aura schien ihn zu umgeben, zudem ging ein ekelerregender Modergeruch von ihm aus.
"Was für ein grüner Geigenkoffer?" fragte der Antiquitätenhändler.
"Stellen Sie sich nicht dumm. Sie haben ihn von einem alten indischen Sekundarschullehrer übernommen. Wo ist er?"
"Ach... diesen Koffer meinen Sie. Nun, er ist weg, ich habe ihn verkauft. Aber ich kann Ihnen jede Menge anderer Koffer anbieten, sehr schöne Exemplare..."
"Wem haben Sie ihn verkauft?"
"Ich habe keine Ahnung, wer der Mann war."
"Das darf doch nicht wahr sein!"
Vor Wut schnaubend verliess der Physiklehrer den Laden und verschwand im Nebel.
Als er vor seiner Turmwohnung stand, sah er auf der Fussmatte einen Brief liegen. Der Physiklehrer riss den Brief auf und las ihn durch. Dann stiess er Jubelschreie aus. Er öffnete die Wohnungstüre und eilte in einen Raum, in dem Dutzende von grossen Schreibmaschinen standen, die laut vor sich hinklapperten.
"Meine geliebten Schreibmaschinen!" schrie der Physiklehrer. "Die Stunde unseres Triumphes ist nah! Unser scheinbar aussichtsloser Kampf gegen das Phantastische wird in Bälde zu Ende sein. Lange genug hat er gedauert, viele Mühen und Tränen hat er gekostet, doch nun kann uns nichts mehr aufhalten, wir stehen kurz vor unserem Ziel."
Die Schreibmaschinen rasselten und schepperten, was sich wie Applaus anhörte. Der Physiklehrer fuhr fort: "Die Welt ist von Phantastischem und Irrationalem quasi gesäubert, zu vernichten gilt es nur noch einen grünen Zauberkoffer und eine kleine Insel im Meer, voll von skurillen Geschöpfen, deren Stunden aber gezählt sind. Der Koffer - lange Zeit war er verschwunden - ist aufgetaucht, und zwar just auf besagter Insel. Hier habe ich eine Nachricht eines verbündeten Indianerhäuptlings, dem ich einst den Auftrag erteilte, mit seinen Leuten die absurden Geschöpfe auf der Insel zu eliminieren, die besagt, dass sich ein Mann mit einem grünen Geigenkoffer schon seit längerer Zeit auf der Insel herumtreibt und für Aufregung sorgt. Es ist UNSER Koffer, da gibt es keine Zweifel. Wie schön sich das trifft! Nun denn, auf zum letzten Gefecht! Haltet euch bereit, heute abend fliegen wir ab. Die letzte Bastion des Phantastischen muss fallen!"
Der Physiklehrer keuchte vor Euphorie. Die Schreibmaschinen rappelten und rumpelten.
Der Himmel war pechschwarz. Regengüsse peitschten auf die Insel mit einer Heftigkeit, dass die Palmen sich bogen und krachend zersplitterten. Blitze zuckten, von einem ohrenbetäubenden Donner begleitet, hernieder und liessen die Palmen in Flammen aufgehen. Es war kein schönes Bild, das sich der Pianistin, dem Pudel und mir bot, die wir uns angstvoll in einer Bodenmulde verkrochen hatten.
"Liebe Pianistin", stammelte ich nach einiger Zeit, "ich will den günstigen Moment nutzen und Ihnen meine Liebe gestehen. Ja, ich liebe Sie, und ich habe Sie schon immer geliebt. Doch Sie sprechen kein Wort mit mir. Wie habe ich das verdient?"
Die Pianistin schenkte mir keine Beachtung. Ich streckte meine Hand aus, um die hübschen Füsse der Pianistin zu streicheln, doch sie zog sie schnell zurück.
In diesem Moment wurde der Pudel von einer Windböe erfasst und fortgeblasen.
Nun sassen die Pianistin und ich alleine da. Sprachen kein Wort. Sahen uns nicht an. Einen Tag und eine Nacht sassen wir nur da. Bis sich die dunkeln Wolken verzogen hatten und das Blau des Himmels wieder zum Vorschein kam. Bis die Sonne wieder schüchtern ihre Strahlen auf die Insel sandte. Dann setzten wir unseren Weg fort.
Der Pudel war indessen weit weg sanft auf einem Hügel aus Lianen gelandet und schickte sich an, die Umgebung zu erkunden.
"Da vorne ist das Pudelvieh, siehst du es?" fragte Gewalttätiger Pferdeschwanz seinen Kollegen Egozentrischer Prellbock. "Es hüpft ziemlich sorglos in der Gegend herum und scheint seinen Spass zu haben. Es schnuppert an Palmenstämmen, reisst Grasbüschel aus und wirft sie in die Luft, jetzt pisst es an einen Stein... ich würde sagen, schnappen wir es uns, der Häuptling wird seine Freude haben. Weisst du, wie dieses Scheissding funktioniert? Ich glaube, man muss zuerst auf den grünen Knopf drücken und dann am weissen Hebel ziehen, oder umgekehrt... wo ist denn meine Brille?"
"Ich vertraue auf unser gutes altes Fangnetz", sagte Egozentrischer Prellbock und hatte den Pudel im Nu geschnappt. Er wurde ins Lager der Indianer gebracht und in einen grossen mit Wasser gefüllten Topf geworfen, unter dem ein Feuer knisterte. Plattfussindianer tanzten singend um den Topf herum und streuten dem Pudel von Zeit zu Zeit wohlriechende Gewürze auf den Kopf.
"Oh!" sagte der Pudel. "Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass man mich kochen will. Nun, ich bin ein unverbesserlicher Optimist. Die Lage mag im Moment nicht rosig aussehen, doch ich bin überzeugt, dass nächstens ein deus-ex-machina auftaucht und mich befreien wird. Schubidi. Schubidu."
Der Pudel wartete einen Augenblick und fuhr dann fort: "Da könnte zum Beispiel ein plötzlicher Platzregen dem Feuer ein Ende bereiten. Oder Wind kommt auf und bläst den Topf um. Oder... tausende von Möglichkeiten gibt's. Schalali. Schalala... Langsam, ich will's nicht verhehlen, wird mir eigentümlich warm. Und mein armer kleiner Schwanz... ojeojeoje, ganz angebrannt riecht er. Hallo! Ich will raus!"
Die Indianer lachten hämisch.
"Aufwachen!" befahl sich der Pudel. "Das ganze ist nur ein böser Traum! Aufwa...aaaaa! Wasser ausschlürfen! Feuer ausblasen! Hilfe!"
Der Abstieg vom Kinn gestaltete sich schwierig, überall lagen zertrümmerte und verkohlte Palmenstämme, die ein zügiges Vorwärtskommen stark beeinträchtigten. Die Pianistin fiel mehrere Male hin, doch ich achtete nicht auf sie, ich eilte weiter, ich wusste selbst nicht, wohin ich eigentlich wollte. Ich hatte nur das Gefühl, ich müsse vorwärtsmachen.
Gajas Mund wurde unter grössten Anstrengungen überquert, die Lippen waren vom Saft der geopferten Preiselbeeren rotgefärbt. Glücklicherweise waren keine Indianer in der Nähe.
Und dann stand ich vor einem riesigen Gebirge: Gajas Nase. Aus dem linken Nasenloch strahlten ein seltsames blaues Licht. Ich trat ein und sah mich um. Plötzlich vernahm ich Schritte, und ein alter, in eine schwarze Kutte gekleideter Mann stand vor mir.
"Mein Gott", sagte er mit sonorer und ziemlich gelangweilter Stimme und zog ein langes Gesicht. "Schon wieder einer. Na gut. Hier haben Sie Ihr Eintrittsticket... Nummer 3018. Folgen Sie mir bitte."
Der Mann schlurfte voran. Wir liefen einen langen glitschigen Gang entlang, dann durchquerten wir ein Labyrinth aus rosafarbenen Gehirnwindungen, die wabbelten und pulsierten, schliesslich standen wir vor einem breiten Spalt. Über eine Brücke erreichten wir die andere Seite. Nach unten ging's, immer nach unten, bis wir vor einem grossen schwarzen Tor standen.
"Da müssen wir durch", sagte der Mann und gähnte, "es führt direkt in die Hölle."
"Oh!" rief ich beeindruckt und trat in eine riesige schwarze Halle, in der es bestialisch nach Pech und Schwefel stank.
"Wer ist der rote Gigant mit den Hörnern und dem Bocksfuss da vorne?" fragte ich.
"Das ist der Teufel", antwortete der Mann, "er steckt sich hämisch grinsend sündige Menschen in den Schlund. Ist das nicht schauerlich? Mir läuft es jedesmal kalt den Rücken runter, aber das liegt vor allem daran, dass seine Styroporarme so quietschen. Weiter geht's."
Wir stiegen eine steile Wendeltreppe empor und gelangten in eine weitere Höhle.
"In dem Tümpel da vorne", teilte mir mein Führer mit, "sehen Sie drei Leute: einen auf einer im Wasser schwimmenden riesigen Mitra stehenden Bischof, der verzweifelt versucht, einen kleinen Rabbiner mit seinem Bischofsstab unter Wasser zu drücken. Der Rabbi seinersteits wehrt sich ganz ordentlich, wie Sie sehen... die Szenerie wird vervollständigt durch einen dunkelhäutigen Mann mit einem überdimensional grossen Turban auf dem Kopf, der auf einem im Wasser treibenden Kamel sitzt und den Bischof und den Rabbi mit Schüssen aus einer langen Flinte bombardiert. Sie können sich nun für einen der drei Kontrahenden entscheiden und bei mir einen dementsprechenden Wimpel kaufen: einen hellschwarzen, wenn Sie den Bischof favorisieren, einen mittelschwarzen, wenn Sie den Rabbi vorne sehen oder einen dunkelschwarzen, wenn Sie glauben, dass der Turbanmensch obenausschwingt. Der Wimpel kostet eins fünfzig, das Geld fliesst zu hundert Prozent in die Kasse der Vereinigung 'Christliche Prokuristen spielen Federball'."
"Ich habe kein grosses Interesse an diesem Spiel", gestand ich.
"Dann lassen Sie's bleiben", antwortete der Mann. (...)
Mein Kopf tat weh. Ich musste die Augen schliessen. Als ich sie wieder auftat, stand ich auf Gajas Nasenspitze, dem höchsten Punkt der Insel. Im nächsten Moment erreichte auch die Pianistin die Nasenspitze. Sie deutete auf den Geigenkoffer.
"Ihr Piano?" fragte ich. "Sind Sie mir nur wegen Ihres Pianos gefolgt?"
In diesem Augenblick ertönte hoch oben ein Surren, und kleine Pünktchen waren am Himmel zu erkennen, die sich langsam auf die Insel zubewegten.
"Ich liebe Sie", flüsterte ich.
Die Pünktchen am Himmel waren inzwischen grösser geworden. Es war nicht klar auszumachen, worum es sich dabei handelte, aber wenn nicht alles täuschte, war es ein ganzes Heer von fliegenden Schreibmaschinen.
"Erhören Sie mich!" flehte ich die Pianistin an, doch diese blieb stumm.
Es handelte sich in der Tat um fliegende Schreibmaschinen, die aus grossen Kanonen Schüsse auf die Insel abfeuerten. Indianerblut, vermischt mit Preiselbeerensaft und dicken Saucen, grau, violett, crevettenfarben, spritzte in den Himmel und verdunkelte die Sonne. Auf der grössten Schreibmaschine sass ein irr lachendes Männchen, das sich wollüstig die Hände rieb.
"Das Spiel ist aus!" rief es, lenkte seine Schreibmaschine Richtung Nasenspitze und brachte sie wenige Meter über uns zum Stehen
"Physiklehrer? Sie sind's?" fragte ich erstaunt.
"Jawohl, Sie Narr!" kam die Antwort. "Hätten Sie auf mich gehört und sich nicht auf so aberwitzige Eskapaden eingelassen! Die Wissenschaft regiert die Welt. Alles ist erklär- und berechenbar. Etwaige Ausnahmen werden exterminiert."
"Sie sind wahnsinnig!" rief ich.
"Haben Sie noch einen letzten Wunsch, bevor Sie sterben?"
Die Pianistin hatte mittlerweile ihr Piano aus dem Koffer geholt und begann jetzt eine wundersame Melodie zu spielen.
"Wir könnten direkt auf die Katastrophe
zutanzen
Mit jedem Schritt, den wir tun
Wir könnten direkt ins Unglück rennen
Doch ich hab' das Gefühl, es ist uns
wurscht"
sang sie dazu mit ihrer schönen, hellen Stimme, die wie eine Flöte klang und die ich schon so lange nicht mehr gehört hatte. Dann nahm sie mich bei der Hand, und wir begannen zu tanzen.
"In der Jugendherberge von Saloniki
da haben wir uns kennengelernt
In der Jugendherberge von Saloniki
haben wir die ganze Nacht getanzt.
Ich kann nichts dafür, Kleine
bin der Sklave meiner Triebe
Du weisst genau, was ich meine
du weisst genau, dass ich dich..." sang
ich.
"Tanzt nur und singt!" schrie der Physiklehrer und machte sich daran, mit einer Laserpistole in der Hand von seiner fliegenden Schreibmaschine herunterzuklettern, "Euer letztes Stündlein hat geschlagen!"
"Schnell!" sagte die Pianistin, "Lieben wir uns! Das könnte uns retten!"
Ich wollte meinen Ohren nicht trauen.
"Meiner Ansicht nach ist das reichlich fehl am Platz", stotterte ich, "und nicht unbedingt, was ich für den besten Rettungsversuch anschaue."
Die Pianistin riss sich ihre schwarzen Kleider vom Leib, und da stand sie, nackt.
Ich fühlte eine Art Fieber sich meines Körpers bemächtigen, mein Kopf drehte sich, ich stammelte zitternd: "Ihre zwei Brüste - eine links, rechts die andere - klein, fest, glatt und so weiss, dass feine Venen bläulich durchschimmern, vornedran die Warzen, rund, von der Farbe der Fische, die..."
"Nun mach schon!" rief die Pianistin.
Ich massierte nervös mein Kinn, strich mein Haar glatt, schneuzte mich, sah der Pianistin tief in die Augen, liess meinen Goldzahn in der Sonne funkeln und drehte mich um - der Physiklehrer hatte sich mit seinem weissen Kittel in der Schreibmaschinentastatur verfangen und fluchte - ich entledigte mich flink meiner Bekleidung und stürzte mich auf die Pianistin.
"Das macht viel mehr Spass, als sich mit Geigen und ähnlichen Folterinstrumenten herumzuquälen", flüsterte mir die Pianistin ins Ohr.
"Aaaaaa!" stöhnte ich.
"Do re mi", keuchte die Pianistin.
So lagen wir aufeinander, und unsere Lustschreie hallten durch die Gegend. Ein unbeschreiblicher Orgasmus folgte - und dann schien alles verloren zu sein.
Der Physiklehrer stand lächelnd vor uns, sein Mordinstrument auf uns gerichtet.
Die Spermienzelle hatte ihr Ziel erreicht, nämlich einen riesigen schwarzen Spalt, der sich bedrohlich vor ihr auftat.
Hier also sollte sich ihr Schicksal erfüllen.
Die Spermienzelle schloss die Augen, neigte den Kopf leicht nach links, hielt sich die Nase zu und sprang in den Abgrund.
Gerade in dem Moment, als der Physiklehrer abdrücken wollte, bebte die Erde. Der Physiklehrer stürzte, war aber sofort wieder auf den Beinen und...
"Aaaaaaaa!" schrie er und liess die Pistole fallen. Ein unerträglicher Schmerz hatte sich in seinem Hinterteil breitgemacht. Der Physiklehrer brüllte, schlug wie wild um sich, doch wenn ein Pudel einmal zugebissen hat, lässt er nicht so schnell wieder los. Dante bohrte seine Zähne tiefer und tiefer ins Sitzfleisch des Physiklehrers.
Da erbebte die Erde zum zweiten Mal. Und hörte nicht wieder auf zu beben.
Gaja war erwacht.
Alles ging sehr schnell.
Eine riesige Hand schoss aus dem Meer empor, packte den Physiklehrer und quetschte ihn zu Brei. Dann folgte ein lässiger Schlag, und die Schreibmaschinen fielen wie tote Fliegen vom Himmel. Die meisten versanken gurgelnd im Ozean, eine zertrümmerte das Piano der Pianistin.
Die Erde zitterte und donnerte.
Ich zog die Pianistin und den Pudel, der sich zum Glück rechtzeitig vom Hinterteil des Physiklehrers hatte losreissen können, mit mir in den grünen Geigenkoffer, der eine Hundertstelsekunde später in hohem Bogen ins Meer katapultiert wurde.
Dann herrschte Stille.
© Suhrkamp Verlag 1997