von Gion Mathias Cavelty
Pietro Bembo war endlich angekommen. Die lange Schiffsreise hatte ihn entkräftet. Hungrig und müde wartete er am Pier, dass er abgeholt würde. Eine schwarze Limousine würde in Bälde vorfahren, sieben schwarzgekleidete Männer würden aussteigen und sich über Byzantinische Kunst unterhalten. Pietro würde auf sie zutreten und sagen: "Die Melkmaschine wurde 1812 in Melk erfunden." Das war der Code, den er mit seinem Paten vereinbart hatte. Die Männer würden erwidern: "Der Milchertrag einer Nassauer Riesenkuh liegt bei 13496 Litern im Jahr", und ihn zu seinem Paten bringen.
Don Pasquale - Satiriker, Karrikaturist und zweifelsohne der eigenständigste und originärste Comiczeichner der Westküste. 'Lachsalven schollen um ihn her, dass der Tischpräside, der das Ehrenpatent des gefeierten amerikanischen Humoristen zu haben glaubte, des öftern neidblass wurde. Keiner vermochte wie Don Pasquale, in toller Laune alles auf den Kopf zu stellen. Und je mehr die Nacht vorrückte und je tiefer das Bier, begleitet von Schnäpsen in die Kehle floss, desto verwegener funkelte sein Witz', hatte einst ein bekannter amerikanischer Stückeschreiber über Pasquale gesagt.
Doch das war vor über zwanzig Jahren gewesen: inzwischen lebte Pasquale abgeschottet von der Welt auf einem kleinen Gutshof auf dem Land, streng bewacht von seinem Generalstab - dreissig Leute -, und verliess diesen nur am 28. Mai, dem Geburtstag seiner Mutter, um ihr einen Strauss Blumen ins Altersheim zu bringen. Die Comic-Strips, die Pasquale in der San-Francisco-Daily veröffentlichte, stiessen vielen Leuten sauer auf: zu entlarvend waren sie, zu scharfzüngig, zu respektlos. Politiker, Wirtschaftsbosse, Kirchenvertreter, niemand war sicher vor Pasquales spitzer Feder. Dass der Bürgermeister von San Francisco, Dick Reeves, vor zwei Jahren den Hut hatte nehmen müssen, ging allein auf Pasquales Konto. Und den Sturz des legendären Wurstkönigs Sam 'Le Sossiss' Spencer hatte Pasquale zu verantworten. Pasquale hatte sich viele mächtige Feinde gemacht, und mehrere Male waren schon Anschläge auf sein Leben verübt worden. Deshalb musste er strengste Sicherheitsvorkehrungen treffen, um sich vor der Rache seiner Opfer zu schützen.
Nun würde Pietro diesen einzigartigen Mann endlich kennenlernen. Pietro hatte ihn vor rund einem halben Jahr angerufen und gebeten, ihm bei seiner Arbeit über die Schulter schauen zu dürfen. Er war Student an einer renommierten Schweizer Kunstschule, doch das Angebot befriedigte ihn nicht. Von wem, hatte er sich eines Tages gefragt, konnte er mehr lernen als von seinem Paten?
*
Fröstelnd trat Pietro von einem Bein aufs andere. Nichts tat sich. Der Hafen war menschenleer. Pietro blickte auf seine Armbanduhr: elf Uhr dreissig. Er hätte schon längst abgeholt werden sollen. War irgendetwas schiefgegangen? Er steckte sich eine Zigarette an und setzte sich auf eine der eisernen Truhen, die am Boden standen: Frachtgut für Sizilien, wie der aufgeklebte Zettel 'Catania' verriet. Pietro nahm einige tiefe Züge. Was war das für ein seltsamer Geruch, der plötzlich in seine Nase stieg? Eine Mischung zwischen Ölfarben und...
Pietro schnüffelte. Aus der Truhe schien er zu kommen, widerlich-süsslich, wie ein alter Socken. Pietro erhob sich und wollte sich am Truhendeckel zu schaffen machen. Just in diesem Augenblick bogen zwei Polizisten, die grellorange Uniformen trugen, um die Ecke.
"Hände weg!" keuchte der dickere der beiden. "Mischen Sie sich nicht in Dinge ein, von denen Sie nichts verstehen!"
Die Polizisten knieten nieder und holten verschiedene Schlüssel hervor. Einen nach dem anderen steckten sie ins Schlüsselloch, bis sie endlich den passenden gefunden hatten. Der Dicke hob den Deckel.
"Schau dir das an, Storni!" sagte er.
"Keine schöne Sache, Nüesch!" murmelte der Dünne. "Keine schöne Sache."
Der Leichnam, der in der Truhe lag, war in der Tat keine schöne Sache. Es handelte sich um einen aufgedunsenen käsebleichen Mann mit Vollbart, der einen blauen, mit roter Farbe verschmierten Overall trug.
"Caravaggio, Michelangelo", flüsterte der Dünne, als er die persönlichen Dokumente, die der Mann auf sich trug, durchlas. "Italienischer Maler. Jemals von ihm gehört?"
"Nein", antwortete der Dicke.
"Was soll ich als Todesursache im Rapport angeben?" fragte der Dünne.
"Hirnhautentzündung. Schreib Hirnhautentzündung."
Der Dünne notierte etwas auf ein grünes Formular und verschloss danach die Kiste.
"Entschuldigung", schaltete sich Pietro ein, "aber könnten Sie mir..."
"Halten Sie den Mund!" fuhr ihn der Dicke an. "Sehen Sie nicht, dass wir arbeiten?"
Sein Kollege hatte inzwischen eine weitere Truhe geöffnet, in der eine bereits stark im Zerfall begriffene Leiche zum Vorschein kam, deren Schädel vollständig zertrümmert worden war.
"Dürer, Albrecht", las der Dünne und blätterte fahrig den Personalausweis des Toten durch. "Deutscher Maler, Zeichner und Kupferstecher."
"Starb höchstwahrscheinlich an einem Herzinfarkt, was meinst du?"
"Sehe ich auch so."
"Aber können Sie denn nicht sehen, dass dem armen Kerl der Kopf gespalten wurde?" erkundigte sich Pietro aufgeregt.
"Wir haben Sie schon einmal darauf aufmerksam gemacht, dass Sie das Ganze nichts angeht!" schnauzte der Dicke. "Wenn Sie es wagen sollten, nochmal ein unbedachtes Wort zu äussern, sehen wir uns gezwungen, Sie aufs Revier mitzunehmen. Und jetzt ist's genug."
Er verschloss die Kiste und klopfte seinem Partner auf die Schultern.
"Feierabend! Gehen wir noch ein Bier trinken."
"Bob's Beerbox?"
"Okay."
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren entfernten sich die beiden. Pietro blieb verdattert zurück. Er beschloss, dem Erlebten keine Bedeutung zuzumessen, und wartete weiter.
*
Um Mitternacht brauste ein kleiner blauer Fiat heran und kam wenige Schritte vor Pietro zum Stehen.
"Mach schon, Bembo!" herrschte ihn ein schweinsgesichtiger dicker Mann durch ein offenes Wagenfenster an. Pietro zögerte einen Augenblick.
"Die Melkmaschine...", begann er, doch der Dicke unterbrach barsch: "Steig schon ein!"
Im Auto war es sehr heiss. Pietro lockerte seine blaue Kravatte, die zu tragen ihm vor seiner Abreise eingeschärft worden war; sie war das Erkennungszeichen der 'Illuminati', wie sich die Gruppe um Don Pasquale nannte. Das hätte er besser nicht tun sollen: Nino Rossi, der Fahrer, warf ihm durch den Rückspiegel einen bösen Blick zu. Don Pasquale legte grössten Wert auf das Erscheinungsbild seiner Leute.
"Ist schon vorgekommen, dass einer umgelegt worden ist, bloss weil einer seiner Hemdenknöpfe schlecht angenäht war", flüsterte Ignazio Centorrino, der neben Pietro sass.
Pietro zog die Kravatte wieder fest an und schaute aus dem Fenster. Sie waren jetzt schon seit drei Stunden unterwegs, und nach seinen Berechnungen hätten sie schon längst bei seinem Paten ankommen sollen. Irgendetwas stimmte da nicht.
"Mach dir keine Sorgen", sagte Alfredo Dolci, als ob er Pietros Gedanken erraten hätte. "Wir wissen, worum es geht."
In diesem Augenblick bog der Wagen brüsk nach links ab.
"Was machst du?" fragte Arrigo nervös. "Das ist der falsche Weg!"
"Es gibt noch was zu erledigen", murmelte Michele.
"Verfluchtes Schwein", zischte Benigno und presste Eduardo seine Pistole an die Schläfe. "Wieviel hat er dir bezahlt?"
Eduardo war bleich geworden.
"Mach keinen Unsinn, Beni", stammelte er.
"Wieviel?"
"Ich weiss nicht, wovon du redest, ehrlich."
Benigno, der ein dickes, gemütliches Gesicht hatte wie fast alle Männer aus Lucca, lächelte sanft. Dann drückte er ab. Eduardos Schädel zersplitterte in tausend Stücke, Blut und Gehirnteile flogen im ganzen Auto herum.
"Schnell!" rief Alessandro und hielt abrupt an, "Unser Wagen steht da drüben!"
Ohne eine Sekunde zu verlieren kletterten alle ins Freie und zwängten sich in den hellgrünen Opel, der mit laufendem Motor wartete. Der Fahrer hiess Giulio und war ein Liebling des Don. Seine Steuerkünste waren legendär. Im zweiten Weltkrieg hatte er an der Front gekämpft und dort sein linkes Ohr verloren.
"Zur Via Espagna", befahl Basile.
"Zur Via Espagna?" fragte Giulio.
"Tu, was ich dir sage, kapiert?"
Giulio nickte. Mit Basile war nicht gut Kirschen essen, das wusste er. Basile war ein Meisterschütze, mit der Lupara, der .38 und .357 Magnum und der Kalaschnikow konnte er umgehen wie kein zweiter. Doch auch mit Sprengsätzen kannte er sich aus: die Ermordung des Richters Rocco Chinocchi, der bei der über Fernsteuerung gezündeten Explosion seines bis oben hin mit TNT vollgestopften Autos von der Strasse gefegt wurde, war der beste Beweis. Und wer war wohl schuld am Tod des Mafiabosses Rosario Rizzi, der vergangenen November mitsamt seiner Familie in seinem Ferienhäuschen in die Luft gejagt worden war?
Der Wagen stoppte vor einem gepflegten Haus.
"Gut", sagte Eugenio. "Ihr wisst, was ihr zu tun habt."
"Was habe ich zu tun?" fragte Tommaso, der neben dem Fahrer sass. Im nächsten Augenblick drang aus seinem Mund ein verzweifeltes Röcheln: Corrado und Mattia hatten ihm blitzschnell einen Stahldraht um den Hals geworfen und zogen mit aller Kraft daran. Kein Wunder, dass man die beiden Jungs 'die Schlangen' nannte: denn sie waren listig, sie wählten immer den direktesten und billigsten Weg, ohne Spuren zu hinterlassen. Kein Lärm, kein Dreck, keine Probleme, war ihre Devise.
"Ihr Scheisskerle!" ächzte Tommaso. Dann schloss er seine Augen für immer.
"So geht es allen, die Salvatore Giuliano verraten!" flüsterte Adriano finster.
Nenè Geraci schleifte den Leichnam nach draussen und würde ihn wohl in einem Säurebottich auflösen und dann über irgendein Abflussrohr entsorgen.
"Dein Pate ist da drin", wandte sich Santorre nun an Pietro. "Richte ihm einen schönen Gruss aus vom Gelben Frosch."
"Vom Gelben Frosch. Geht in Ordnung!" sagte Pietro und stieg mit schlotternden Knien aus. So etwas hatte er noch nie erlebt. Das Ganze musste ein übler Scherz sein.
*
'See, Hear And Be Silent!' stand in goldenen Lettern über dem schwarzen Tor geschrieben, das ins Gebäude führte. Pietro beugte sich mit pochendem Herzen nach vorne und spähte durchs Schlüsselloch ins Innere. Ein grosser Saal war zu erkennen, in dem ein marmorner Tisch stand, an dem dreizehn Männer sassen und lautstark diskutierten. Vor jedem stand ein Namensschildchen: Acquasanta, Casteldaccia, Pagliarelli, Partanna, Altofonte, Corleone, Porta Nuova, Manzella, Riccobono, Riina, Provenanzo, Scaglione und - am Tischende - Pasquale.
'Himmel!' fuhr es Pietro durch den Kopf. 'So sieht er also aus!'
Pasquale erinnerte ihn stark an Kater Carlo, mit seinem unsympathischen fleischigen Gesicht, den unrasierten Wangen, den verschlagenen Äuglein und der brennenden Zigarre im Mundwinkel.
'Dieser Mann', dachte Pietro, 'versteht keinen Spass. Das ist sicher!'
Eben langte Pasquale mit blossen Händen in einen riesigen Teller Spaghetti, der vor ihm stand, und stopfte sich die Teigwarenmasse ins Maul, wobei er seine Zigarre mit verschluckte, doch das schien ihm nichts auszumachen. Die Tomatensauce spritzte bis an die Decke, die mit barocken Fresken bemalt war: dicke nackte Frauen hockten auf einer Wiese inmitten riesiger Erdbeeren, welche die Grösse von Fesselballonen aufwiesen. In der Mitte der Decke war eine goldene Kette angemacht, an der ein fussballgrosser goldener Apfel hing. Pietro versuchte, den Gesprächen zu folgen, bekam aber nur einzelne Satzfetzen mit - 'Der grosse Plan' - 'Wir wissen, worum es geht' - 'Das ist sicher!' - 'Der grosse Plan! Der grosse Plan!' - auf die er sich keinen Reim machen konnte. Doch soviel stand fest: die Leute da drin waren Verbrecher, und sie führten Grausames im Schilde. Pietro schaute genauer hin: Sass dort nicht Joe Dalton, der Anführer der berüchtigten Dalton-Brothers aus 'Lucky Luke'? Und wies Acquasanta nicht eine frappante Ähnlichkeit mit Ede Wolf auf? Und den blauen Typen mit dem Hitlerschnäuzchen dort hatte er auch schon gesehen... war es Globi, oder war es sein unheiliger Zwillingsbruder? Pietro holte tief Luft und richtete sich gerade auf. Was hatte diese seltsame Konspiration von Comicfiguren zu bedeuten? Waren sie alle in den Klauen von Don Pasquale? Und wenn ja, was wollte Pasquale von ihnen? Pasquale, dieser widerliche Schuft, dieser Mörder, diese Ausgeburt der Hölle! Lesen und schreiben konnte der bestimmt nicht, geschweige denn anständig zeichnen! Alles war höchst verwirrend, Fragen über Fragen türmten sich in Pietros Kopf. Was war der grosse Plan, von dem die Witzfiguren andauernd sprachen? Strebten diese drittklassigen Karrikaturen nach der absoluten Herrschaft? Der politischen, wirtschaftlichen, klerikalen? Oder besassen sie sie schon? Der Erdball in den Händen von machtgierigen Kriminellen - der Gedanke war schrecklich. Pietro wusste: er musste etwas unternehmen. Vielleicht konnte er die Welt noch retten.
***