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Auszug aus "ad absurdum"

von Gion Mathias Cavelty

 

22. Der Mantel des Weltalls

Wenige Schritte vor uns stand die rote Rakete. Das war sehr seltsam, denn eigentlich hätte sie auf der anderen Seite des Planeten sein sollen, dort, wo wir gelandet waren. War das wirklich unsere Rakete? Der Pudel und ich liefen ein paarmal um sie herum und kamen zum Schluss, dass es ohne Zweifel die richtige war: in der Handschrift des Pudels stand gross "Vittoria" über der Eingangstüre geschrieben.

Das ist ein Mysterium erster Klasse", raunte mir der Pudel zu.

"Vielleicht spazieren im gleichen Moment Dutzende von Pudeln und Dutzende von Ichs auf dem Planet herum", schlug ich vor. "Alle sind zur genau gleichen Zeit gelandet, in den genau gleichen roten Raketen."

"Das würde bedeuten, dass es Dutzende von identischen Welten gäbe, von wo unsere Doppelgänger gekommen sind", folgerte der Pudel. "Oder gegeben hat. Unsere ist ja verbrannt."

"Und wenn wir jetzt auf einer Welt landeten, die unserer zum Verwechseln ähnlich sähe, würden wir..."

"Es hat keinen Sinn, weiter solche Spekulationen anzustellen", beendete der Pudel unser Gespräch. "Wir fliegen jetzt in die fünfte Dimension. Hoffentlich finden Sie dort Ihr Buch und klappen es zu, um die Geschichte endlich zu einem Ende zu bringen. Mir ist sie ziemlich verleidet."

Wir stiegen in die Rakete, schlossen die Türe und starteten. Mit einem mächtigen "Zischschschsch" schoss das Gefährt, weisse Funken versprühend, in die Schwärze des Weltalls.

"Penthesilea!" dachte ich unvermittelt. "Wenn es dich mehrere Male gäbe, hätte ich die Chance, doch noch dein Herz - eines deiner Herzen - zu erobern! Zehnmal. Oder zwanzigmal, wer weiss. Und irgendwann müsste es doch klappen..."

"Kommen Sie schnell!" rief der Pudel plötzlich aufgeregt. "Schauen Sie!"

Er deutete auf einen Computerscreen im Cockpit. Darauf waren helle Punkte zu sehen, die in rasender Geschwindigkeit auf uns zusausten.

"Was ist das?" fragte ich.

"Ich halte mal an!" sagte der Pudel und zog die Handbremse. Ruckartig kam die Rakete zum Stehen. Der Pudel öffnete eine Luke und blickte durch ein altertümliches Fernrohr, das wohl aus der Pionierzeit der Astronomie stammen musste.

"Goldene Knöpfe!" sagte er schliesslich. "Es sind grosse goldene Knöpfe!"

"Wie aufregend!" kommentierte ich.

"Was die Menschheit für Fixsterne hielt, sind in Wahrheit goldene Knöpfe! Wir sind am Ende des Weltalls angekommen. Vor uns liegt ein schwarzer Mantel, der alles uns Bekannte begrenzt!"

"Und was liegt hinter dem Mantel?" fragte ich. "Die fünfte Dimension? Das Reich von Earl Grey? Oder ganz etwas anderes?"

"Das werden wir in Kürze wissen", sagte der Pudel und drückte aufs Gaspedal.

23. Das Zollbuch

Die Grenze, die das Bekannte vom Unbekannten trennte - wir hatten sie erreicht. Der Mantel des Weltalls lag vor uns, und der schwarze Pudel und ich flogen mit grosser Geschwindigkeit darauf zu.

"Passen Sie auf, dass wir uns nicht im Stoff verfangen!" bat ich meinen Reisebegleiter besorgt. "Das wäre ein unschönes Ende unserer Abenteuer."

Wir waren dem Mantel schon bedrohlich näher gekommen, da teilte er sich unvermittelt. Gleissendes Licht schoss uns entgegen, welches so stark blendete, dass ich die Hände vor die Augen schlagen und mich zu Boden werfen musste. Die Rakete schwankte bedrohlich, dann schlug sie wuchtig auf etwas Festes auf und rührte sich nicht mehr.

"Was zu verzollen?" hörte ich nach langer Zeit eine schnarrige Stimme. Verstört öffnete ich die Augen. Ich lag auf einer Platte aus schwarzem Stein, neben mir qualmten die Überreste der völlig zertrümmerten Rakete. Wer hatte da gesprochen? Ich richtete mich zitternd auf und erblickte ein grosses schlammgrünes Buch, das mit inquisitorischer Miene vor dem schwarzen Pudel stand, der sich eben vorsichtig einen Glassplitter aus dem Hintern zog.

"Zu verzollen?" fragte der Pudel unwirsch zurück. "Was soll ich schon zu verzollen haben?"

"Alkohol? Rauschgift? Zigaretten?"

"Nein."

"Was ist das?"

Das Buch deutete auf ein bis zur Unkenntlichkeit deformiertes Ding.

"Das war mein Fernrohr", entgegnete der Pudel in weinerlichem Tonfall.

"Wer ist der dort?"

"Das ist mein Adept."

Das Buch musterte mich unbarmherzig und notierte etwas auf eine seiner Seiten.

"Was wollen Sie hier?" fragte es dann.

"Das wissen wir selbst nicht", schaltete ich mich ein. "Wir wissen gar nicht, wo wir hier sind."

"So?" fragte das Buch ungläubig. "Das wissen Sie nicht? Dann will ich es Ihnen sagen. Sie befinden sich vor der Schwelle zum Vollkommenen Bücherschrein."

"Das trifft sich ausgezeichnet!" rief ich. "Ich suche nämlich schon lange ein Buch, das..."

"Immer mit der Ruhe", unterbrach das Buch. "Bücher finden Sie hier zu Tausenden. In Tat und Wahrheit finden Sie hier alle Bücher, die je geschrieben wurden. Hier gibt es Bücher aus Glas, aus Holz, aus Federn und aus Wasser, Bücher in Form von Pferden, Seilen oder Pilzen, dreieckige, pyramidenförmige, runde Bücher, Bücher mit einer unendlichen Zahl unendlich dünner Blätter, Bücher, die gar keine Blätter haben, Bücher, die alle Anfänge, alle Schlüsse oder alle Mittelteile aller Bücher enthalten, summa summarum kann man sagen, dass hier alles, was man sich irgendwie vorstellen kann, geschrieben steht."

"Das klingt beeindruckend", gab der Pudel zu. "Der Schrein muss demnach von einer gewaltigen Grösse sein."

"Der Schrein setzt sich zusammen aus siebeneckigen Zimmer mit sieben Türen und siebzig Bücherregalen, jedes ist sieben Meter hoch und umfasst mehr als siebenhundert Bücher. Ein Zimmer schliesst sich nahtlos ans nächste an wie eine Bienenwabe an die andere. In jedem Zimmer hängt eine Überwachungskamera an der Decke, die aus schwarzem Holz gefertigt ist, während Boden und Wände aus schwarzem Marmor bestehen. Die Bewohner des Schreins sind ausschliesslich Bücher. Keins hat seinen festen Platz, mal ist es hier, mal dort anzutreffen."

"Was machen diese Bücher den ganzen Tag?"

"Sie wuseln von einem Zimmer ins nächste, hocken sich in ein Regel, bleiben eine Zeitlang dort, bis es ihnen langweilig wird, und ziehen weiter. Manchmal lesen sie sich gegenseitig. Doch das ist selten der Fall. Jedes Buch denkt nämlich, es sei das beste. Eine grosse Konkurrenz herrscht zwischen den Büchern. Es ist schon vorgekommen, dass sich welche gegenseitig zerrissen haben - im wahrsten Sinn des Wortes. Doch normalerweise verhalten sie sich anständig. Denn sie wissen, dass sie jederzeit überwacht werden."

"Von wem?"

Das Buch schwieg eine Weile. Dann flüsterte es praktisch unhörbar: "Von Earl Grey."

"Von Earl..."

"Psssst!" zischte das Buch. "Nicht so laut! Niemand darf unseres Meisters Namen aussprechen, nicht einmal denken! Er ist allmächtig, allwissend und gottgleich; ein Klacks wäre es für ihn, uns alle zu vernichten."

24. Bugia

Eine Weile herrschte angespanntes Schweigen.

"Eines Tages", fuhr das Zollbuch dann fort, "niemand kennt die genaue Stunde, wird der Meister den Schrein öffnen und das würdigste Buch herausnehmen. Jedes Buch gibt sich grosse Mühe, das würdigste zu sein - in Worten, Werken und Gedanken. Unser Meister kann nämlich in unseren Köpfen lesen wie in - Büchern."

"Ich würde mir den Schrein gerne genauer ansehen", sagte ich. "Ich denke, dass ich einige interessante Dinge erfahren würde. Und vielleicht sogar mein Buch finden."

"Das würden Sie mit Bestimmtheit", pflichtete mir das Buch bei. "Nur zu! Treten Sie ein! Bugia wird Ihnen den Weg weisen. Die Räume sind zwar durch kleine phosphoreszierende Pilze, die überall an der Decke wachsen, ausreichend beleuchtet. Bugia kennt sich jedoch gut aus im Labyrinth, sie hat schon manchen Wissensdurstigen durch die wunderlichen Pfade der Bibliothek geführt."

"Wer ist Bugia?" erkundigte sich der Pudel.

"Hat mich jemand gerufen?" fragte eine mannshohe weisse Kerze, die wie aus dem Nichts aufgetaucht war.

"Diese Herrschaften wünschen einen Rundgang zu machen", erklärte ihr das Zollbuch.

"Ich werde sie treulich führen", sagte die Kerze.

"Nichts anderes habe ich von dir erwartet. So hebe sich denn der Vorhang zum grossen Spektakel. Ich wünsche gute Unterhaltung."

Unter lautem Getöse ging ein Vorhang aus Samt hoch und legte ein verschlossenes Tor frei, das der Zugang zu einem gigantischen schwarzen Gebäudekomplex war. Bugia klopfte.

""s ist Besuch nur, der ohn" Grollen mahnt, dass Einlass er begehr" - ja, nur das - nichts weiter mehr."

"Nichts weiter mehr?" antwortete eine tiefe Stimme.

"Wenn ich"s dir doch sage."

"War ja nur "ne Frage", drang es dumpf aus dem Innern. Wie von Geisterhand öffnete sich das Tor, Bugia schritt voran, der Pudel und ich folgten. Langsam schlossen sich die schweren Holzflügel, und da standen wir, mitten in einem von grünlichem Licht schwach erhellten Raum, in dem es unangenehm nach verschimmeltem Papier roch. Um uns herum herrschte ein Geseufze, ein Gemisch von Sprachen, seltsame Reden ertönten, und nachdem sich meine Augen an die düstere Umgebung gewöhnt hatten, erblickte ich Bücher, Heerscharen von Büchern; sie krochen am Boden herum, kletterten die Gestelle hoch oder hinunter, wälzten sich auf- und unter- und ineinander, gierigen Schnecken in einem Gemüsebeet gleich.

"Tja, hier sind wir also im ersten Zimmer", kommentierte Bugia ziemlich lustlos. "In diesen Gefilden tummelt sich mit Vorliebe eher minderwertige Belletristik - Ärzteromane und Bahnhofskioskliteratur. Das schmale Bändchen da vorne hat sich mehr als 200"000 Mal verkauft. "Steh, worin dein Wels sich sägt" heisst es. Schon davon gehört?"

"Nein", antwortete der Pudel.

"Und dieses dort - "Der Fischerjunge von Malibu"? Ist es Ihnen bekannt?"

"Nein."

"Klara - Wenn die Sehnsucht stärker ist als alle..."

"Hören Sie", sagte der Pudel ärgerlich. "Ich mag Bücher nicht. Ich verabscheue, ich hasse sie."

"Weshalb denn?"

Der Pudel holte tief Luft.

"Ich bin ein Hund", setzte er zu einer flammenden Rede an, "der viel auf Proportionen gibt, an Symmetrien seine Freude hat, an Ästhetik hängt. Bücher machen es mir diesbezüglich nicht einfach. Alle nur denkbaren Formate haben sie - Quart oder Oktav oder Klein-Oktav und so weiter - dicke gibt"s und dünne, gebundene und kartonierte, keins ist wie das andere. Einige sind schwer und andere leicht: wieso, frage ich mich, haben nicht alle das gleiche Gewicht? Ein Pfund. Oder anderthalb. Welche Farbe hat Mehl? Weiss. Eine Tomate? Rot. Ein Buch? Alle nur vorstellbaren! Was ist in einer Packung Mehl? Mehl. Was ist in einer Flasche Tomatensaft? Tomatensaft. Was ist zwischen zwei Buchdeckeln? Immer etwas anderes. Und was das Schlimmste ist: die Geschichte bleibt immer die gleiche, man kann ein schlechtes Buch hundertmal lesen, und hundertmal bleibt es schlecht. Genügt das?"

"Ich bin über Ihre Worte sehr erstaunt", gab ich zu.

"Ich will gehen", winselte der Pudel. "Ich will hier raus. Hören Sie?"

"Kein Problem", sagte Bugia. "Durch diese Türe gelangen Sie ins Freie."

25. Wie finde ich aus einem Labyrinth?

Wir folgten der Kerze durch die Öffnung, die sie vorgeschlagen hatte, durchquerten ein Zimmer, das mit dem ersten identisch war, wählten wieder einen Durchgang und gelangten in einen weiteren Raum, der sich von seinen Vorgängern in nichts unterschied.

"Jetzt geht"s nach links", verkündete Bugia, und wir trampelten ihr nach. Nach drei Stunden und fünfhundert Zimmern später schlug ich vor, eine Pause zu machen. Der Pudel konnte meinem Antrag nur zustimmen und holte aus seinem Fell ein Päckchen Zigaretten hervor, das er erfolgreich am Zollbuch vorbeigeschmuggelt hatte.

"Haben Sie Feuer?" wollte er sich an die Kerze wenden, doch die war verschwunden. Der Pudel starrte eine Weile gedankenverloren ins Leere.

"Hoffnung, fahr dahin!" sagte er dann mit pathetischer Stimme. "Ich habe diesem hinterlistigen Irrlicht von Anfang an nicht getraut. Jetzt sind wir verloren. Nie wieder wird Thebens Sonne auf meine Stirne brennen!"

"Ich wusste gar nicht, dass Sie..."

"Schuld am ganzen Unglück sind natürlich Sie. Sie und Ihr gottverdammtes Buch. Sie mussten sich ja unbedingt auf seine Suche machen. Als ob es, Himmelarsch, nicht genug Bücher gäbe. Ein besonders prächtiges Exemplar macht sich übrigens gerade an Ihren Schnürsenkeln zu schaffen. Und worauf hocke ich? Ilias. Kenn" ich nicht. Scheisse. Scheisse."

"Immer mit der Ruhe", versuchte ich zu beschwichtigen. "Die Lage mag nicht rosig aussehen, geschlagen sind wir aber noch lange nicht."

Ich sah mich um. Der Pudel fixierte mit glasigen Augen das Zigarettenpäckchen.

"Wenn ich mich nicht irre", sagte ich schliesslich, "sind wir hier in der Abteilung Griechische Klassiker - Homer, Sappho, Euripides, Aristophanes habe ich entdeckt. Entgegen den Aussagen des Zollbuches, dass die Bibliothek wirr und chaotisch ist, glaube ich, dass eine rudimentäre Ordnung besteht."

"Was nützt uns das?"

"Nach den Griechen kommen wir zu den Römern, und von dort..."

"Sie wollen die ganze Weltliteratur durchwandern? Ohne mich."

"Ich denke, dass wir in gewissen Büchern Hinweise darüber finden könnten, wie man sich in einer Lage wie der unsrigen verhalten muss. Es ist ja nicht so, dass alle Bücher unbrauchbar sind - in einigen stehen auch nützliche Dinge. "Mein Mann ist zehn Jahre jünger als ich und wiegt dreihundert Pfund zuviel - Was soll ich tun?" oder "Meine Katze spricht italienisch - Helfen Sie bitte, Doktor Frank!" sind Titel von Ratgebern, die heutzutage in den Regalen der Buchläden stehen, zweifelsohne existiert auch ein Buch namens "Wie finde ich den Ausgang aus einem Labyrinth?" Ich schlage vor, dass wir uns in unsere Zeit durchkämpfen. Natürlich hoffe ich, dabei auf mein Buch zu stossen - es würde uns gute Dienste leisten. Sind Sie einverstanden?"

"Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig", seuzfte Dante.

"Auf denn!" befahl ich und schritt voran.

26. Tote Träume

Wir waren nicht lange marschiert, da stiessen wir auf einen menschlichen Körper, der, umringt von lüsternen Büchern, regungslos am Boden lag.

"Gefährte in schwerer Stunde!" rief der Pudel. "Sei uns willkommen!"

Der Angesprochene blieb stumm. Der Pudel näherte sich ihm vorsichtig.

"Er ist tot", konstatierte er.

"Wurde er umgebracht?" fragte ich.

"Sieht nicht so aus. Ich würde sagen, dass er an Hunger und totaler Erschöpfung starb. Die grässlichen Bücher sind dabei, ihn aufzufressen, am ganzen Leib sind Bisswunden zu erkennen. Im kleinen Rucksack, den er umhat, befinden sich Baupläne, Zirkel und ähnliche geometrische Gerätschaften, sowie ein Tagebuch."

"Ist es womöglich der Architekt der Bibliothek?"

"Ich glaube nicht. Auf dem Tagebuch steht "Virgilio Rabaglio, Gandria, 1743". Der Schrein dürfte viel früher erbaut worden sein."

Der Pudel überflog die ersten Seiten.

"Höchst aufschlussreich!" meinte er. "Virgilio beschreibt in fast unleserlichem Italienisch..."

"Sie verstehen Italienisch?"

"... wie er seit frühester Kindheit den Drang verspürte, das perfekte Gebäude zu bauen, das edificio perfetto , das seiner Ansicht nach ein Turm von unendlicher Höhe ist, torre d"altezza che va all"infinito . Die Baupläne, die mit "Retiro mio" überschrieben sind, zeigen in der Tat einen Turm, dessen Spitze nicht sichtbar ist, weil sie auf dem Papier keinen Platz hat."

Dante und ich überliessen Virgilio seinem Schicksal und liefen weiter durch die unfreundlichen Räume. Der Weg gestaltete sich schwierig: oft behinderten uns aufsässige Bücher, die, Kurtisanen gleich, mit rotgefärbten Mündern nach uns schnappen, mit weit auseinandergespreizten Flanken uns packen wollten; meterhohe Bücherberge galt es zu überwinden, herunterstürzenden kiloschweren Ungetümen auszuweichen; zudem ging meine Rechnung hinten und vorne nicht auf: Ordnung herrschte keine in der Bibliothek. Was hatte Thomas Mann mit de Sade, was Dostojewskij mit Hildegard von Bingen zu tun? Wir hatten uns rettungslos verirrt, das war die unumstössliche Wahrheit.

Als wir auf einen weiteren menschlichen Körper stiessen, machten wir uns keine Illusionen, und richtig: der Mann war tot, von Büchern schon zur Hälfte zerfleischt. Es handelte sich um einen Mathematiker, der, wie handschriftliche Aufzeichnungen verrieten, auf der Suche nach der perfekten Zahl verdurstet war. "Die perfekte Zahl muss eine transzendente Zahl sein und umgekehrt proportional zu 25", stand da geschrieben, "mindestens den Umfang r mal 2 im Quadrat haben und mit einer 4 enden."

Der Zoologe, der Ägyptologe, der Botaniker, welche wir im Laufe der nächsten Stunden fanden, sie alle waren auf ihrer Suche jämmerlich krepiert: dem perfekten Schmetterling, der perfekten Hieroglyphe, dem perfekten Kaktus waren sie nicht begegnet. Und die Chance, dass ich jemals mein Buch finden würde, waren ebenfalls gleich null. Doch ich hatte keine Lust, wie meine Vorgänger zu enden. Deshalb musste jetzt etwas geschehen.

27. Vom Wesen der Bibliothek

"Pudel", sagte ich zu meinem Kollegen, "wir müssen klug sein, wenn wir nicht ein trauriges Ende finden wollen. Darum schlage ich vor, uns nicht weiter ins Labyrinth vorzuwagen, sondern hierzubleiben und uns gut zu überlegen, wie weiter zu verfahren ist."

"Ich habe Hunger", jammerte Dante.

Auch mir knurrte der Magen: so wählten wir uns einige der Bücher aus und brutzelten sie an einem kleinen Lagerfeuer, das ich mit Müh und Not zum Flackern hatte bringen können.

"Zenon ist zäh", beschwerte sich der Pudel, "und mit Seneca ist"s nicht besser."

"Die alten Stoiker waren hartgesottene Burschen", meinte ich kauend. "Wir wär"s mit Proust?"

"Proust? Das ist doch dieser Langweiler. Nein danke."

"Joyce?"

"Tönt nicht sehr appetitlich."

"Hölderlin?"

"Wie bitte?"

"Hölderlin."

"Nee. Ich lass es gut sein. Bücher sind nichts für mich."

"Narr!" liess da ein grosses blaues Buch verlauten, das majestätisch auf einem Regal thronte. "Ignorant! Schwachkopf! Wenn du wüsstest, was in mir drinsteht, würdest du anders denken!"

"Was steht denn in dir drin?" fragte der Pudel leicht herablassend.

"Pffff!" machte das Buch und blickte schmollend in eine andere Richtung.

"Kommen Sie schon!" bat ich. "Wir stecken arg in der Klemme und sind für jeden Ratschlag dankbar."

Das Buch liess uns noch eine Weile schmoren, bis es mit der Antwort herausrückte: "In mir wird die Bibliothek genau beschrieben, alle Zimmer sind eingezeichnet, Ein- und Ausgänge exakt vermerkt."

"Das ist wunderbar!" jubelte ich. "Genau, was wir brauchen!"

"Der Weg ins Freie ist sehr einfach zu finden: ihr lauft immer nach links, und nach drei Tagen erreicht ihr ein Tor, das direkt in einen himmlischen Garten führt, der..."

"Schenkt diesem Bastard keinen Glauben!" kreischte ein rotes Büchlein. "Er will euch ins Verderben schicken! Jedermann weiss, dass sich am Ende der Bibliothek kein Garten befindet, sondern ein schwarzer Höllenfluss, dessen bestialisch stinkenden Dämpfe jeden verätzen, der näher als dreihundert Fuss an ihn herantritt!"

"Blödsinn!" schaltete sich ein weiteres Buch ein, "wenn ihr immer nach links lauft, hört der Weg plötzlich abrupt auf. Ein Schritt zuviel, und ihr stürzt hinunter ins ewige Nichts."

"Jedes einigermassen aufgeklärte Wesen", krakeelte ein anderes, "weiss, dass das Labyrinth die Form eines Eis hat, und dass man gefahrlos so lange nach links laufen kann, wie man will."

"Falsch! Das Labyrinth ist Teil eines grösseren Labyrinthes, und dieses seinerseits nur ein winziger Teil eines noch grösseren, und so weiter. Ihr könnt nach links laufen, bis ihr blau werdet."

"Lügen, alles Lügen! Die ganze Bibliothek ist ein einziger Raum! Ist euch denn nicht aufgefallen, dass jedes Zimmer identisch aussieht? Quod erat demonstrandum, wie der Gelehrte sagt. Ihr seid immer im gleichen Raum, und lauft ihr nach links, kommt ihr wieder in den gleichen, etcetera etcetera."

"Es lebe die fünfte Brigade!" schrie jemand.

"Moment mal", unterbrach ich das Geplapper. "Jeder behauptet etwas anderes. Wem sollen wir Glauben schenken?"

"Mir!

"Mir!

"Mir!"

"Na schön", seufzte ich, "so kommen wir nicht weiter. Dann gehen wir halt nach rechts!"

"Uiiiiii!" warnte eines. "Das würde ich nicht tun! Dort wohnen gefährliche Bücher, die einer ketzerischen Sekte angehören, welche die Existenz unsere Meisters leugnet!"

"Quatsch!" widersprach ein anderes. "Dort ist es siedend heiss!"

"Du meinst wohl eiskalt!"

"Verdammt nochmal!" brüllte der Pudel, "Jetzt habe ich die Schnauze voll!"

Er richtete seinen Blick nach oben und flehte eine Überwachungskamera an: "Hallo! Hört mich jemand? Helft mir hier raus!"

"Blasphemie! Blasphemie!" fuhr ihn ein gelbes Buch an. "Man darf nicht mit dem Meister sprechen! Nie, nimmer und unter keinen Umständen! Das ist verboten! Strengstens untersagt! Niemandem ist es gestattet..."

"Kommen Sie", beschwörte mich der Pudel, "lassen Sie uns verduften!"

28. Der Schlüssel der Weisheit

Wir ergriffen die Flucht.

"Ich kann nicht mehr!" ächzte Dante nach einiger Zeit und hockte sich auf eine massive schwarze Kiste aus Stahl. "Was mir hier zugemutet wird, ist unglaublich. Diesen rechthaberischen Büchern gehört allesamt die Gurgel umgedreht."

"Ihr prinzipieller Hass auf Bücher ist mir unverständlich. Sie geben ihnen ja nicht mal eine Chance. Ich möchte wiederholen, was ich Ihnen bereits gesagt habe: einige sind gar nicht so übel."

"Na schön. Ich nehme wahllos ein Buch heraus - dieses hier scheint ganz nett zu sein."

Der Pudel schlug es auf und blickte kurz hinein.

"Da haben Sie"s", sagte er und klappte es wieder zu. "Eine grosse Enttäuschung."

"Was steht denn drin?"

"Ein Satz. "Wenn Du mich gelesen hast, bist du ein Arsch." Sehr lustig."

In diesem Moment ertönte dumpfes Gerumpel.

"Ich bin die geheime Bücherkiste", murmelte jemand, "in mir drin liegt ein gewaltiger Schatz, von dunklen Künsten ergebenen Mönchen mühselig zusammengeschleppt. Die unheimlichen Bücher der grossen Meister aller sieben geheimen Künste sind"s, die selbst Kenner nur mit abgedämpfter Stimme zu erwähnen wagen: "Der gestreifte Höllenlurch", "Des Teufelsrochens wirkliche Überzeugung", "König Salomons geheimer Name (Luigi)", "Die gesammelten Kurzgeschichten Mosis", "Die kohlrabenschwarze (und einzig echte, wahre und wahrhaftige, ich schwör"s) Farbenlehre", last but not least der berüchtigte "Rudelbums im Templerschloss" eines mit üblen Höllenwassern gewaschenen Arabers. Der Schlüssel, der mich öffnet, hängt drei Zimmer weiter an einem zierlich geschmiedeten Nagel."

"Tönt interessant!" meinte der Pudel aufgeregt. "Ich geh ihn schnell holen."

"Verbrennen Sie sich nicht die Pfoten, Sie falscher Zauberlehrling!"

Der Pudel verschwand und entdeckte bald den Schlüssel.

"Hallo!" begrüsste ihn dieser.

"Guten Tag", erwiderte der Pudel. "Der Grund, weshalb ich Sie belästige, ist folgender..."

"Ich weiss."

"Schön. Würden Sie freundlicherweise herunterkommen?"

"Ich kann nicht. Ich hänge an einem Nagel."

"Das sehe ich. Allein: ich kann nicht rauf."

"Tja... was machen wir denn da?"

"Ich weiss nicht."

"Dann tut"s mir leid. Ciao."

"Na hören Sie mal! Wie stehe ich jetzt vor meinen Freunden da?"

"Denken Sie sich was aus. Sagen Sie meinetwegen, ich sei Ihnen zu rostig. "

Grollend kehrte der Pudel zurück.

"Und?" erkundigte ich mich.

"Ich hatte recht. Bücher sind nicht mein Ding. In der Kiste befinden sich nur Schilderungen namenlos übler Sauereien, die selbst dem abgebrühtesten Schmutzfink die Schamröte ins Gesicht jagten, das habe ich aus gesicherter Quelle erfahren. Ihnen und mir möchte ich solche Ferkeleien ersparen."

"Ihr Edelmut rührt mich. Schauen Sie, was ich in der Zwischenzeit gefunden habe. Es handelt sich um ein Buch mit dem Titel "Alles, was die Männer über die Frauen wissen", verfasst von einem gewissen Anonymus."

"Und was wissen die Männer über die Frauen?"

"Nichts. Das Buch enthält nur leere Seiten."

"Ein gescheiter Mann, dieser Anonymus."

"Auch das hier ist ein äusserst bemerkenswertes Buch. Geschrieben wurde es im Jahre 1617 von Guidubaldo Grotto: "TRACTATVS de LIBRO PERFECTO. qvod est magna longeqve admirabilia descriptio libri perfecti. all" illvstris. & SERENIS. & Revenrend. Monsig. Melchior CRESCENTINI, Capitano..."

"Kommen Sie zum Wesentlichen."

"Grotto beschreibt darin das perfekte Buch. Alle Bücher, so behauptet er, sind von onomatopoetologischen Vorgaben einer sich immer mehr ausdifferenzierenden argumentativen Unregelmässigkeit geprägt. Wie die Humanisten des Quattrocento orientiert sich Grotto an Horaz, wo die neuplatonische Ästhetik mit der Rhetorik von Aristoteles und Cicero durch eine minuende lizenziöse Konstitution der Druckkunst in Einklang gebracht wird. Grotto kommt zum Schluss, dass das perfekte Buch auf keinen Fall blau sein darf, kleiner als der Fudschijama, aber grösser als ein Erdferkel sein sollte und unbedingt in spanisch abgefasst sein muss."

"Aha."

"Wie muss das perfekte Buch für Sie aussehen?"

"Wie bitte?"

"Haben Sie ein Lieblingsbuch? Eins, das Sie mit auf die berühmte einsame Insel nehmen würden? Das Sie allen anderen vorziehen?"

"Nein."

Nach einigem Überlegen fügte er hinzu: "Ich mag Geschichten, in denen einer in die Welt hinauszieht und gegen alle möglichen Widrigkeiten zu kämpfen hat. Parzival. Oder der Simplicissimus. Don Quijote. Gulliver. Pinocchio. Ich bin immer gespannt, was sie am Ende ihrer Abenteuer erwartet. Ob sie"s schaffen... oder nicht."

Er machte eine Pause und sagte dann: "Aber eigentlich lese ich nicht."

Er räusperte sich distinguiert.

"Ich schlage vor, dass wir unser literarisches Duett beenden, denn ich möchte jetzt sterben."

© Suhrkamp Verlag 1997