Mittwoch, 22. September
Ich weiss, dass ich äusserst vorsichtig sein muss. Ein einziges Haar von mir genügt einem erfahrenen Bokor (voodooistischer Schwarzmagier), um daraus einen Fetisch zu basteln, mit dem er mir Schaden zufügen und im extremsten Fall sogar den Tod bescheren kann. In meinem Hotelzimmer laufe ich deshalb nur mit einer Duschhaube auf dem Kopf herum.
Die giftgrünen Pferde auf den Bildern in der Hotellobby haben mir einen gehörigen Schrecken eingejagt - und ihren Zweck damit natürlich voll und ganz erreicht. Petro-Voodoo, die dunkelste Form des Voodoo - ich kann seine Macht überall spüren. Um hinter seine Geheimnisse zu kommen, bin ich nach Meran gereist. Als «das Nizza Tirols», «der Südbalkon der k. und k. Monarchie», «the Sunny City» wurde die Stadt schon bezeichnet. Doch wo viel Sonne ist, ist auch viel Schatten, oder etwa nicht?
Ich suche alle Schränke und Schubladen auf Wangas (Gegenstände, an denen Schadenszauber haften, beliebt sind zum Beispiel abgeschnittene Rabenklauen) ab - glücklicherweise resultatlos. Aber letztlich kann natürlich alles ein Wanga sein ...
Um 23 Uhr lege ich mich schlafen.
Um 04.30 Uhr schliessen sich wie von Geisterhand die automatischen Sonnenstoren.
Donnerstag, 23. September
Nach einem traumlosen Schlaf erwache ich.
Im Spiegel entdecke ich einen komischen Pickel an der Oberlippe, der gestern noch nicht da gewesen ist.
Im Frühstückssaal murmelt ein Kellner in einer blütenweissen Jacke unverständliche Dinge vor sich hin.
Ziellos laufe ich durch die Stadt. Ich überquere die mit goldfarbenen Ornamenten verzierte Postbrücke, komme am Marmordenkmal der Kaiserin Sissi (dem einst der Kopf abgeschlagen wurde) und dem schmucken Jugendstil-Kurhaus vorbei. Alles erscheint proper und aufgeräumt, nichtsdestotrotz stosse ich an allen Ecken und Enden auf Hinweise auf den real existierenden Voodoo: Ein riesiges, an eine Häuserwand gespraytes Herz, das von einem Dolch durchstossen wird und heftig blutet; einen Kinderpullover, der mit Steinen beschwert am Ufer der Passer liegt; einen Mann, dessen Haut so schwarz wie die Nacht ist. Unauffällig nehme ich seine Verfolgung auf, verliere ihn aber schon nach kurzer Zeit im Menschengewimmel in der Laubengasse, dem Mittelpunkt Merans. Ein Blick durch das Schaufenster der Traditionsmetzgerei Siebenförcher enthüllt Schauerliches: Von der Decke hängen, nebst Wurst-, Schinken- und Speckspezialitäten, auch die getrockneten Körper von Tieren, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Die «Zombies cadavre» kommen mir unwillkürlich in den Sinn, ihrer Seele beraubte, willenlose, aber «körperlich intakte Automaten, die ihrem Herrn dienen» (Definition von Voodooexperte Pietro Bandini).
Auf dem Balkon meines Hotelzimmers studiere ich lange eine Karte von Südtirol. Die Namen der Städtchen und Dörfer lassen es mir kalt den Rücken hinunterlaufen: Schluderns - Schlanders - Schnals - Latsch - Tschars - Glurns. Wie eine düstere Beschwörungsformel tönt das für mich.
Vom rechten Nachbarbalkon dringt die Stimme Bernard Tapies zu mir herüber. Tapie sitzt da, leibhaftig (ich dachte, er sässe im Kittchen), und telefoniert, wiederholt vernehme ich die Worte «on ne peut pas prouver» und «coupable». Wer ist wohl am anderen Ende der Leitung? Ein mächtiger Loa (Geist, Engel, Dämon des Voodoo), der Tapie bei seinen Geschäften beisteht? Doch zu welchem Preis? Ich wage nicht, ihn mir auszumalen.
Freitag, 24. September
Der Pickel ist grösser geworden.
Am Vormittag mache ich eine Führung durch die imposante Bierbrauerei Forst mit, die jährlich 700'000 Hektoliter Bier produziert. Alle in der Region trinken Forst-Bier. Das berauschende Forst-Bier, das einen im Handumdrehen zum Singen und Klatschen und Tanzen bringt, einem alle Hemmungen nimmt, einen die Kleider vom Leib reissen lässt. Ja, ich kann mir die Szene genau vorstellen: Hunderte von nackten und halbnackten Meranern, wie sie auf der Kurpromenade ihre schweissnassen Körper in höchster Ekstase zu dröhnenden, rhythmischen Trommelklängen schütteln, bereit, von den Loas besessen zu werden, sich von ihnen zu ihren «Menschenpferden» machen zu lassen, von ihnen geritten zu werden.
Patronin des Unternehmens ist die alte Signora Fuchs. Ich erfahre nicht mehr über sie, als dass sie «molti molti anni» alt ist. Sie gibt keine Interviews, lässt sich nicht fotografieren. Ich möchte nicht darüber spekulieren, weshalb nicht.
Ein Besuch beim Holzschnitzer Helmut Perathoner in St. Ulrich steht am Nachmittag auf dem Programm. Er lässt den Fotografen und mich ohne Widerstand in seine Werkstatt eintreten. Ich möchte nicht darüber spekulieren, weshalb. Arme, Beine, Köpfe aus Zirbelholz liegen überall herum. Die Figuren, die Perathoner schnitzt, wirken so echt, dass man den Eindruck hat, sie leben. «Eines Tages rennen sie noch davon», scherzt der junge Künstler. Nach Scherzen ist mir allerdings nicht zumute, ist mir doch nur allzu gut bekannt, welch tragende Rolle in der Voodoomagie Puppen und Figuren aus Holz, Wachs oder Stoff zukommt: Sie stehen für reale Menschen aus Fleisch und Blut, und traktiert man sie mit Nadeln oder anderen spitzen Gegenständen, dann ... Grosser Gott, bloss weg von hier!
Mit pochendem Herzen geht es zurück nach Meran, wo in der Buchhandlung «Alte Mühle» gerade eine Signierstunde mit Reinhold Messner stattfindet. Die Alpinistenlegende ist dabei, die Fragen einer Reporterin von Radio Meran zu beantworten, als ich eintrete. Ich schnappe folgenden Messnerschen Satzfetzen auf: « ... wie man einen Hund schlachtet.»
Sofort heulen alle Voodoo-Alarmsirenen in meinem Kopf auf.
«Wie war das genau mit dem Hund, den Sie geschlachtet haben?», erkundige ich mich beim Yeti aus Villnöss, nachdem die Journalistin von ihm abgelassen hat.
«Ich habe keinen Hund geschlachtet, nie!», schnauzt mich Messner an. «Ein Huhn habe ich geschlachtet, Zehntausende von Hühnern.»
«Wieso?»
«Lesen Sie meine Biographie.»
Das kann ich mir getrost schenken. Denn ich weiss, was das für Leute sind, die Hühner schlachten: Voodoopriester! Hexenmeister!
Ein weiteres Beispiel eines solchen vermute ich in Dr. Henri Chenot, der seine Praxis im Grand Hotel Palace hat. Morgen will er mich dort empfangen. Zu seinen Patienten gehören Leute wie Isabelle Adjani, Caroline von Monaco oder Luciano Pavarotti. Es nimmt mich aufrichtig wunder, was für ein Mann das ist, der Luciano Pavarotti nackt gesehen und es überlebt hat. Um mich ein bisschen vorzubereiten, blättere ich ein paar Minuten in Chenots Broschüre «Die Biontologie». Angst einflössende Sätze wie «Das Fettgewebe ist häufig eine Zeitbombe, die man ganz vorsichtig entschärfen muss» stehen darin. Auf Seite 23 werden verschiedene Formen von Müdigkeit aufgezählt: Physische Müdigkeit - Sensorische Müdigkeit - Emotionale Müdigkeit - Mentale Müdigkeit - Physiologische Müdigkeit. Und ich fühle mich plötzlich so unendlich müde ... auf der physischen, sensorischen, emotionalen, mentalen und physiologischen Ebene gleichzeitig ...
Samstag, 25. September
10.00 Uhr morgens. Dem geheimnisvollen Dr. Chenot kann der riesige Pickel an meiner Oberlippe nicht verborgen geblieben sein. Aber er erklärt mir seine selbstentwickelte Hydrotherapie, als ob nichts wäre, mit warmen Worten und auf Französisch. Es geht um mit ätherischen Ölen durchsetzte Schlammpackungen, die auf Patienten geschmiert und danach unter enormem Druck mit eiskaltem Wasser wieder abgespritzt werden (dabei sollen die Ärmsten schreien wie angesengte Schweine, wurde mir von einem Kurgast kolportiert). Die Adjani kalt abspritzen - das würde ich auch mal gerne. Doch, doch, dieser Chenot weiss, was einem Mann Spass macht.
Neben seinem Schreibtisch steht auf einem Tischchen eine goldene Schale, in deren Mitte ein goldenes Ei ruht. Auf meine Frage nach dessen Bedeutung (Voodoo-Verdachtsfaktor 10!) beginnt Chenot, eine höchst eigentümliche Geschichte von einer chinesischen Jungfrau zu erzählen, in deren Kopf das goldene Ei (Chenots Ausführungen zufolge das Symbol für die «Quelle der Ewigkeit») gewachsen sei, und zwar nachdem sie ein chinesischer Dorfweise im Frühling begattet habe. Dieser habe dazu aber unbedingt einen Orgasmus vermeiden müssen, der dann im Kopf der Jungfrau stattgefunden und so das goldene Ei erschaffen habe.
Für meinen Geschmack ist das Ganze eindeutig eine Spur zu verschroben. Ich bin darum froh, dass mich die freundliche Frau Torggler von der «Südtirol Marketing Gesellschaft» hinauf nach Sulden am Ortler fährt. Dort wird heute das «Messner Mountain Museum» eröffnet, das ganz dem «König Ortler» gewidmet ist, und alles, was in der Region Rang und Namen hat, hat sich zum Festakt eingefunden: Cavaliere Josef Hofer, Bürgermeister der Gemeinde Stilfs, die Musikkapelle Walten, Vertreter des Weissen Kreuzes, viele Suldner Bergführer, Ski- und Snowboardlehrer, Graf Trapp, die Kaiserjäger, Pater Hurton und Pater Öttl, die Vinschgauer Wurzelmusi. Landesrat Dr. Richard Theiner lobt Reinhold Messner als «Mensch, der sich so toll in Wort und Schrift ausdrücken kann wie kein anderer. Danke für deine Investitionen, Reinhold!»
Als Pfarrer Hurton zur Segnung des Museums schreitet, beginnt es, leicht zu schneien.
«Dank diesem Museum werden viele zu besseren Menschen», spricht Pfarrer Hurton bedächtig. «La geniale idea di questo museo è una benedizione. Gli alpinisti sono una benedizione. Allmächtiger, segne dieses Museum. Darum bitten wir durch Christus unsern Herrn.»
Reinhold Messner durchschneidet das Band.
Das Museum öffnet seinen Schlund und saugt die Menschenmasse in sich hinein.
Auch ich kann dem Sog nicht widerstehen.
Werde ich tatsächlich als besserer Mensch wieder herauskommen?
Oder ist alles wieder nur einmal ein mieser alter Voodoo-Trick?