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Gion Mathias Caveltys Tagebuch

Weltwoche vom 4. März 2004


Schon seit geraumer Zeit bin ich interessiert daran, mich mit höheren Mächten gut zu stellen. Mir geht generell alles zu langsam, wie sich meine Karriere entwickelt zum Beispiel, und ich möchte auch endlich einmal zu Geld kommen. Ernsthaft beschäftige ich mich mit dem Gedanken, den Freimaurern beizutreten. In den letzten Tagen habe ich aber auch viele Bücher über Voodoo gelesen, und bin zum Schluss gekommen: Voodoo wäre gar nicht so schwer. Ich kann schon die Namen all dieser LOAs auswendig. Ich überlege mir auch ernsthaft, und damit meine ich wirklich ernsthaft, katholische Theologie zu studieren. Ja, gerne würde ich mich ganz in den Schoss der heiligen römisch-katholischen Kirche zurückziehen und mich von allem Weltlichen abwenden. Denn das Weltliche sagt mir im Grunde genommen nicht zu. Ich hasse es, mich andauernd rasieren zu müssen, und kaum hat man Staub gesaugt, ist schon wieder alles voll damit.

Vorläufig gehe ich aber immer noch den Weg des Schriftstellers, ich habe ihn mir selbst ausgesucht. Doch war das klug? Es gibt viele Leute, die meinen Humor nicht lustig finden, und die meisten davon haben nicht ein einziges Wort von mir gelesen.

Für Schweizer Radio DRS 1 schreibe ich momentan ein Hörspiel, es heisst „Jupiter auf Argos“, und heute habe ich folgende Szene geschrieben:
VIC EUGSTER (Stimme ab Tonband, eindringlich gesprochen):
„Wer au immer das ghöre mag:
Es gaht um Läbe und Tod!
Ich bin de Vic Eugster, und zämme mit mine Brüedere Alex und Guido befind ich mich in höchschter Not!
En unglaublichi Verschwörig spielt sich ab, und das scho sit Jahrzähnte!
Das Trio Eugster, wo alli vum Radio und vum Fernseh här känned, sind nume Roboter!
Ds richtige Trio Eugster, also de richtig Alex, Guido und Vic, sind im Jahr 1965 entfüehrt und im unterirdische Radio-Land iigsperrt worde!
Bitte, chömmed eus cho befreie!”

Diese Woche mache ich im Radiostudio Zürich ein Hörspiel-Praktikum, und das Mittagessen nehme ich in der Radiostudiomensa ein, wo sich immer viel Prominenz aufhält. Heute z. B. Gilles Tschudi, der Bösewicht aus „Lüthi und Blanc“. Eigentlich sympathisierte ich schon seit jeher mit den Bösewichtern im Fernsehen, angefangen mit dem „schrecklichen Sven“ aus „Wickie und die starken Männer“ bis hin zu den diversen Maulwürfen aus „24“. Aber Gilles Tschudi isst nur so einen schlappen Lauchauflauf, das kann es doch nicht sein.
(Bettina Walch teilt mir übrigens am Dienstag, ebenfalls in der Radiostudiomensa, mit, sie habe auch immer die „Bösen“ besser gefunden als die „Guten“, im „Nibelungenlied“ habe sie z.B. Brunhilde viel lieber gemocht als Kriemhilde. Da merkt man wieder einmal, was eine klassische Bildung wert ist! Wer aus der Generation „Musicstar“ weiss denn noch, wer Brunhilde resp. Kriemhilde resp. Bettina Walch ist? Es ist eine Schande!)

Was ich heute sonst noch tue: ein bisschen meine nächste „Literaturshow“ im moods vorbereiten. Thema ist „Aida - Tochter des Pharaos“, und unter den Talkgästen, die ich empfangen werde, sind eine Hunde-Okkultistin und Victor Giacobbo. Ihn werde ich unter anderem fragen, ob er schon einmal in Ägypten war, und was für eine Beziehung er zu Mumien hat - Patrick Frey zum Beispiel. Ja, das ist eine hervorragende Pointe, der Tag ist gerettet! 

Andererseits frage ich mich auch sofort wieder: Bin ich auf die Welt gekommen, um Pointen zu machen, oder Gilles Tschudi beim Lauchauflauf-Essen zuzusehen? 

Und noch andererseitser frage ich mich: ist es fair, Patrick Frey als Mumie zu bezeichnen? Er war doch immer so nett zu mir, die drei Mal, an denen wir miteinander gesprochen haben! Ich bekomme ein richtig schlechtes Gewissen. Soll ich? Soll ich nicht? Soll ich? Soll ich nicht (Patrick Frey als Mumie bezeichnen, meine ich)? So geht das lange hin und her.

Am Mittwochabend interviewt mich das „METALWORLD“-Magazin, das war schon lange ein Traum von mir! Ich darf zu meinen fünf Lieblings-Heavy-Metal-Platten etwas sagen (Crimson Glory: „Transcendence“, King Diamond: „Them“, Arcturus: „La Masquerade Infernale“, Tourniquet: „Microscopic View Of A Telescopic Realm“, Enslaved: „Monumension“). Ich sage ausschliesslich lobende Dinge.

Vor dem Schlafengehen experimentiere ich mit meiner „Mind-Machine“, das ist ein Apparat mit vielen blinkenden Lämpchen in einer Art Taucherbrille drin, dank ihm soll man phantastische Reisen in sein eigenes Ich unternehmen können, aber nach fünf Minuten schlafe ich für gewöhnlich ein. So auch heute. 

Woran liegt es, frage ich mich am Freitag, dass sich neben meinem Bett fast nur Horrorromane stapeln (von Brian Lumley, Clive Barker, Simon-Noël Godenzi, William Hjortsberg, Elizabeth Engstrom, Kim Newman und dem Grössten aller, Brian Hodge)? Wäre es nicht besser, da lägen z. B. Bücher von Peter Stamm? „Nein, das wäre es nicht!“, schreit jede Faser in mir, „No passaran!“ 

Nächste Woche fliegen meine Freundin Myriam und ich nach Kanada, und von Montreal aus fahren wir dann mit dem Auto über Boston und New York nach Washington und wieder zurück. Zum Glück ist mein Pass noch gültig, allerdings fällt mir wieder ein, dass mein dort eingetragener Heimatort Schluein (in der Bündner Surselva) laut den Auskünften eines Bekannten auf Arabisch „zwei Feuer“ heisst. Das ist vielleicht nicht so günstig ... Soll ich mir noch schnell ein T-Shirt drucken lassen mit der Aufschrift „I am the god of hellfire, and I bring you two fires“? Soll ich? Soll ich nicht? Etc.

Mehr ist diese Woche an Substantiellem nicht passiert. Niemand bedauert dies so sehr wie ich.