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Black Black Trip

SonntagsZeitung vom 26. Dezember 2004

 

«Gell, du musst dann aufpassen wegen Groupies und Drogen und so! Schau dir nur Chris von Rohr an, was der diesbezüglich alles für Schweinereien erzählt», so lautet die letzte telefonische Warnung meiner Eltern, bevor ich mich in das grosse Abenteuer stürze, das da heisst: fünf Tage lang die Unterwalliser Black-Metal-Band Samael (Fürst der Dunkelheit und des Bösen in der Kabbala) im Tourbus auf ihrer Deutschlandtour zu begleiten - ein alter Traum von mir ...

«Man! / Do you know where I’ll lead you? / Into misfortune / Into eternal pain / No rest / No end / No shelter / No escape / No respite / No sleep», diese Worte von Samaels 1991 erschienenem Debutalbum «Worship Him» gehen mir durch den Kopf, als ich im Zug Richtung Nordosten kurz nach Schaffhausen die Landesgrenze überquere, und dann liegt es vor mir: Deutschland! Wie viel Atemberaubendes habe ich darüber schon gehört! Jetzt kann ich es endlich mit eigenen Augen sehen ...

Als ich gegen 17.00 Uhr wie vereinbart im Konzertlokal «Hirsch» in Nürnberg eintreffe, bin ich von den vielen neuen Eindrücken ganz platt. Und ich freue mich enorm auf das, was mir noch bevorsteht: Hamburg - Halle - Bielefeld - Glauchau heissen die klangvollen nächsten Stationen der Tour. «Brave new world!», rufe ich schwärmerisch aus, nachdem ich die Bekanntschaft von Samael-Merchandise-Girl Zoë Huxley gemacht habe, der rotgelockten Grossnichte des grossen Aldous. Unzweideutig erklärt sie mir in der Folge die Regeln, die für das Leben auf Tour gelten: «1. NEVER shit in the bus toilet» (im Notfall müsse man sich halt eine Plastiktüte zunutze machen), «2. What happens on tour stays on tour». Beides nicht so ideal für mich, aber ich komme nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, denn im nächsten Moment drückt mir Tourmanager Bobo meinen Backstagepass in die Hand und führt mich nach draussen zum Nightliner, ein zweistöckiges Monstergefährt des Typs Setra 228 DT mit 16 Schlafkojen für Musiker und Crew. Ich bekomme das letzte freie Bett zugeteilt, es befindet sich zuhinterst im Bus und grenzt unmittelbar an die halbkreisförmige Lounge mit TV-Gerät, DVD-Player und Playstation. Was das bedeutet, kann ich im Moment noch nicht abschätzen ...

Im «Hirsch» ist der Soundcheck für das Konzert von heute Abend eben vorbei, und nun treten sie mir geschlossen entgegen, die Musiker von Samael: Vorphalack (Gesang, E-Gitarre), Xytraguptor (Drums, Drummachine), Masmiseim (E-Bass) und Makro (E-Gitarre). «Bonsoir», sage ich. «Bonsoir», entgegnen die vier Jungs aus der Romandie, und ich merke sofort: das sind die nettesten Menschen, die ich jemals kennen gelernt habe.

Gemeinsam mit der Crew und den vier Mitgliedern der Vorband «Flowing Tears» (Gothic-Metal aus Saarbrücken), die schon seit Beginn der Tour vor drei Wochen für Samael eröffnen, wird das Abendessen eingenommen, um 22 Uhr 15 treten Samael vor zirka 200 Metalheads auf die Bühne, und die nächsten 73 Minuten werden die Hölle auf Erden. Als «dunkler Kosmos, in dem hymnischer, nachtfinsterer Metal mit kalter Elektronik zu mächtigen, ganz und gar einzigartigen Soundgewittern fusioniert werden», wird die Kunst von Samael in der Fachpresse beschrieben - besser kann man es nicht ausdrücken. Die Reise durch das Samaelsche Klanguniversum ist die extremste, die ich je unternommen habe, und in den nächsten Tagen werde ich sie noch vier Mal hinter mich bringen, vier Mal aufs Neue zerfetzt, pulverisiert, zerstört und ausgelöscht werden - ich kann es kaum erwarten. Schweizer Präzisionsarbeit ist das, was Samael bieten, ermöglicht durch (wie mir Masmiseim, der auch die Lightshow konzipiert hat, nach dem Konzert geduldig erklärt) eine Drum-Sample-Machine Akai-MPC-4000, die irgendwie (so genau habe ich es leider nicht verstanden) mit einem Dimmer DMX-12ch-2Kur/ch und dem Light-Desk MA-DMX-512 zusammenhängt, an welchem wiederum zwölf Stroboskopkanonen von je 1500 Watt (glaube ich), zwei Trichromie-Atomic-Strobe-Martin-Mac-2000-Gobo-Strobo-Moving-Light-Projektoren (ähm ...), drei APC-Vitesso-Powercontrol-Flac-600-Cyberlight-Avolite-Pearl-64-Technobeam-Floor-Can-Screenpatrol-... ach, was soll’s.

Das ganze Zeug muss jedenfalls täglich auf- und abgebaut werden, so auch heute. Nachdem alles im Busanhänger verstaut ist und sich jeder (der will) geduscht und den Bus bestiegen hat, geht es weiter nach Hamburg. Die Distanz bis dahin beträgt 626 Kilometer (die Strecke Paris-Rom war mit 1445 Kilometern bislang die längste der Tour), Abfahrt ist um kurz nach 2.00 Uhr morgens. Was Groupies, Drogen oder irgendwelche satanischen Rituale im Backstageraum angeht, so herrscht übrigens totale Fehlanzeige ... Darum fordere ich in der Lounge des Nightliners, wo es sich inzwischen der holländische Tontechniker Pim, der aus Liverpool stammende Drumroadie Mike, Zoë Huxley, Masmiseim, Vorphalack und Xytraguptor bei Bier und polnischem Wodka gemütlich gemacht haben, klipp und klar: «So, jetzt gibt es aber einen saftigen Pornofilm, wenn ich bitten dürfte! Was soll ich sonst meinen Freunden in der Schweiz erzählen?»

Mein Vorschlag wird von den Anwesenden zwar nicht schon zum Vornherein als vollkommen abwegig taxiert, nach einer sachlichen Diskussion aber einstimmig verworfen. Man beschliesst stattdessen, sich «Dr. Strangelove» anzusehen. Ich glaube es nicht ...

So um 3.20 Uhr verlasse ich die Runde und krieche in meine Koje, schlafen kann ich indes nicht, denn es ist so eng wie in einem Sarg, das permanente Rütteln des Busses ist auch nicht besonders angenehm, ebenso wenig wie die staubtrockene Luft und der üble Gestank nach Zigaretten, Bier und seit Wochen vor sich hinmodernden Kleidungsstücken, zudem kriegt Soundingenieur Mari plötzlich einen Wutanfall, weil ihm angeblich jemand seine roten Doc-Martens-Stahlkappenschuhe gestohlen haben soll. Erst um 5.00 Uhr hat jemand die Gnade, den Fernseher abzustellen, und so etwas wie Ruhe kehrt ein ...

Am Mittag werde ich durch den sympathischen Satz «Wir haben 720 Kilogramm Übergewicht» aufgeschreckt. Der Bus rüttelt nicht, also vermute ich, dass wir in Hamburg angekommen sein müssen ... Im Pyjama schwanke ich die Treppe hinunter und nach draussen, und tatsächlich stehen wir vor der «Markthalle», dem nächsten Auftrittsort. Mein Kopf pocht, ich bin fast vollständig dehydriert. Es ist winterlich kalt. Vor dem Anhänger unterhält sich Gitarrenroadie Hans mit Busfahrer Thomas, und offenbar sind 720 Kilogramm Übergewicht gar nicht so viel ...

Ein SMS meines Kollegen Widmer aus Zürich erreicht mich, und folgender kurze SMS-Verkehr entsteht:

W.: Du riechst sicher schlecht. Aber okay wenns die groupies nicht stört ...
Ich: Geht (leider) zivilisiert zu und her hier, die schauen sich z.B. keine Pornos an, sondern Kubrick
W.: Ev. beeinflusst der beobachter die beobachteten ...
Ich: Dann würden sie Pornos schauen!
W.: Sie denken in deinem kopf sei kubrick, dabei sind es pornofilme, ha ha ...
Ich: ?

In der pestilenzialisch nach Urin stinkenden Toilette der Konzerthalle kann ich mich rasieren, das Lavabo macht einen höchst unappetitlichen Eindruck, den Gipfel markiert allerdings die Dusche im Backstagebereich ... So etwas Dreckiges habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen, gleichzeitig jedoch habe ich mich noch nie so glücklich gefühlt wie in diesem Augenblick, denn das hier, wird mir bewusst, das hier ist HEAVY FUCKIN’ METAL, und er wird nie sterben, und von mir aus könnte es für immer so weitergehen, ja, ich möchte, dass diese Tour nie zu Ende geht, because I’m freeeee!