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Mein Buch

NZZ, 12.12.2001

Für viele Bücher - und ich spreche hier explizit als Freund des Buches - ist es besser, wenn sie nie gelesen werden. Zum überwältigenden Teil sind sie einfach schlecht. Es gibt aber auch Bücher, die mir sehr viel bedeuten, gerade weil ich sie nicht gelesen habe. Neben meinem Bett steht ein Stapel solcher Exemplare, die zu lesen ich einmal durchaus die Absicht hatte, es zu beider (der Bücher und meinem eigenen) Vorteil aber nicht getan habe. Ich bin überzeugt, dass sie an Faszination einbüssten, wenn ich sie läse. Als repräsentatives Beispiel mag an dieser Stelle eine Biographie von William Blake stehen, die schon seit mehreren Monaten unberührt neben meinem Bett weilt. Der Einband ist recht ansprechend (Newton sitzt nackt auf einem Felsen und starrt auf einen Zirkel in seiner Hand), mit seinen 474 Seiten macht es einen währschaften Eindruck. Von grosser Vorfreude erfüllt habe ich es gekauft und einen kurzen Blick auf Seite 11 geworfen, auf der ich den Titel des ersten Kapitels erspähen konnte, der da lautet: "Was ward ich geboren mit anderm Gesicht?" Stundenlang habe ich mir über diese Frage Gedanken gemacht. Zum Himmel hinaufschauend, habe ich mir vorgestellt, was Blake in seinem Leben wohl so alles angestellt haben mag, und bin dabei auf viele erheiternde, aber auch nachdenklich stimmende Ideen gekommen. Danach wollte ich über Blake eigentlich gar nichts mehr wissen und habe seine Biographie auf den bereits erwähnten Stapel gelegt. Denn ich könnte darin möglicherweise erfahren, dass Blake an Fusspilz litt, oder sogar verrückt war, und das möchte ich nicht. Lieber erhalte ich mir mein eigenes, unverfälschtes Blake-Bild. Denn es ist schon seit längerem mein Motto: "Mit Personen ist es wie mit Büchern, man sollte sie nicht allzu nahe kennen, sonst ist man nur irritiert."

Gion Mathias Cavelty, Schriftsteller, Zürich

Peter Ackroyd: William Blake. Dichter - Maler - Visionär. Aus dem Englischen übertragen von Thomas Eichhorn. Albrecht-Knaus-Verlag, 2001