"Was weiss ich eigentlich über Chur?" Diese Frage stellte ich mir, als ich angefragt wurde, für das "Marsöl-Magazin" eine mehrteilige Kolumne zu schreiben, die irgendwie mit Chur zu tun haben sollte. Schnell musste ich feststellen, dass ich meine Heimatstadt und ihr wahres Wesen schlecht kannte. Zufällig stiess ich im Antiquariat von Walter Lietha nämlich auf ein okkultes Buch, in dem das wahre Wesen von Chur enthüllt wird: Chur ist eine riesige Wesenheit, die in der Lage ist, Nahrung aufzunehmen, zu wachsen und sich fortzupflanzen. So abstrus mir diese Theorie zu Beginn vorkam, so plausibel erscheint sie mir mittlerweile. In den folgenden Monaten werde ich mich an dieser Stelle mit Fragen beschäftigen wie:
Hausaufgaben aufs nächste Mal: Stellen Sie sich einen Nachmittag lang mit geschlossenen Augen nackt auf den Kornplatz und lauschen Sie. Plötzlich werden Sie ihn hören, tief aus den Gedärmen Churs wird er an Ihr Ohr dringen - der Urton, der alles bewegt, ein tiefes OMMMMMMMMMM. Spüren Sie, dass Ihre Leber anschwillt? Spüren Sie ein Zucken in ihrer linken Schulter? Ja oder nein? Schreiben Sie auf, was Sie erlebt haben, und lassen Sie uns die Resultate in zwei Monaten vergleichen!
Bis dann, Ihr
Gion Mathias Cavelty
Gewiss erinnern Sie sich daran, verehrte Leserinnen und Leser, dass wir uns in den kommenden Monaten an dieser Stelle über das "wahre Wesen Churs" unterhalten wollen. Chur ist ja, nach einer uralten okkulten Theorie, eine "riesige Wesenheit, die in der Lage ist, Nahrung aufzunehmen, zu wachsen und sich fortzupflanzen". Dies soll mittels Tests am eigenen Leib verifiziert werden.
Die Hausaufgaben für dieses Mal lauteten, auf dem Kornplatz den Urton Churs zu erspüren, dieses tief aus der Erde dringende OMMMMMMM. Ist Ihnen das geglückt? Bravo! 98 Prozent der Rückmeldungen waren positiv.
Woher kommt dieser Ton genau?
Antwort: Er stammt aus dem Dickdarm Churs. Dieser ist 5 Kilometer lang und beschreibt unterirdisch in kompliziert gewellter Form den Weg Bahnhofstrasse - Poststrasse - Kornplatz - Obere Gasse - Martinsplatz. Dort orten die Okkultisten den Mastdarm, der sich bis hinauf zur Kantonsschule erstreckt und dort in Gestalt eines riesigen Loches abrupt endet.
Sie werden es erraten haben: bei diesem Loch handelt es sich um den After Churs (an dieser Stelle wird denjenigen unter Ihnen, die wie ich mehrere Jahre Schüler an der Kantonsschule waren, sicher einiges klar geworden sein ...).
Im Dickdarm wohnen grosse weisse Blutkörperchen, die alle aussehen wie der allseits bekannte und beliebte, leider mittlerweile pensionierte Stadtpolizist Erich Nüesch. Sie müssen dafür sorgen, dass die Nahrung auf dem richtigen Weg bleibt, und greifen ab und zu auch mal mit eiserner Hand durch, wenn ihnen etwas verdächtig vorkommt. Merke: Auch im Dickdarm gilt Rechtsvortritt und darf nicht gekifft werden! Die Dickdarmpolizisten tragen alle weisse Roben, auf die ein grosses Auge gestickt ist, und singen den ganzen Tag im Chor:
"Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme."
Ziemlich mystisch, finden Sie nicht?
Sie haben Glück gehabt: auf nächstes Mal gibt es keine Hausaufgaben.
Bis dann, Ihr
Gion Mathias Cavelty
Hallo! Heute heisst's: Teil 3 unseres beliebten Kurses! Wir wollen uns an dieser Stelle ja über das "wahre Wesen Churs" unterhalten. Chur ist, einer uralten okkulten Theorie zufolge, eine "riesige Wesenheit, die in der Lage ist, Nahrung aufzunehmen, zu wachsen und sich fortzupflanzen".
Jede Wesenheit, die essen und sich fortpflanzen kann, ist im Besitz eines Hirns, wage ich jetzt einmal zu behaupten, und genau das ist unser heutiges Thema: Churs Hirn.
Das Hirn ist ein relativ wichtiges Organ, allerdings interessanterweise nicht immer proportional zu den Dimensionen seines Besitzers. Jenes der Dinosaurier soll ja zum Beispiel ganz klein gewesen sein, so gross wie ein Daumennagel. Churs Hirn ist ein bisschen grösser, aber leider nicht viel. Konkret hat es die Grösse eines Blumenkohls. Aber wo befindet es sich? Die okkulten Schriften schweigen sich darüber aus. Die verhüllten Meister des geheimen Wissens wollen das Hirn Churs natürlich unter Verschluss halten und der Öffentlichkeit weismachen, es existiere überhaupt nicht.
Aber: il existe quand même ! Und zwar betritt es jeden Abend, in der Regel kurz vor 23.00 Uhr, die ***-Bar, wo es sich so viele Stangen genehmigt, bis es sich nicht mehr auf dem Hocker halten kann. Dann versucht es erfolglos, ein paar scharfe Bräute abzuschleppen, bevor es laut pöbelnd durch die Stadt zieht. "No Scherba, no Pipi, no Problem" (ein Satz, den ich nach wie vor für einen Geniestreich halte) - für Churs Gehirn gilt das nicht! Gewöhnlich legt es auf dem Regierungsplatz noch eine "Pizza", bevor es durch ein Loch im Asphalt wieder in den rätselhaften Untergrund abtaucht ...
Okay. Ich merke: die Zeit rennt uns davon. Wir haben noch vieles vor. Churs Herz und Churs Geschlechtsteile stehen noch auf dem Programm. Freuen Sie sich darauf!
Bis dann, Ihr
Gion Mathias Cavelty
Great googly moogly - heute heisst's bereits: Teil 4 unseres Kurses! Wir wollen uns an dieser Stelle ja über das "wahre Wesen Churs" unterhalten. Eine uralte okkulte Theorie besagt, dass Chur ein grosser lebender Organismus ist mit allem, was dazugehört. Churs Dickdarm haben wir bereits ausführlich behandelt, letztes Mal war Chur's Hirn dran.
Heute wird es ein bisschen heikel. Wir sprechen nämlich von Churs Geschlechtsteilen. Darum muss ich alle Leser unter 16 Jahren bitten, das Lesen sofort einzustellen, wenn sie nicht bleibenden Schaden an ihrer Seele nehmen wollen.
Für alle anderen enthülle ich jetzt ein gut gehütetes Geheimnis: Chur ist männlich. Zwar wurde Churs Hodensack beim Stadtbrand von 1464 vollständig zerstört, Churs Penis hingegen konnte sich vor den Flammen retten und existiert bis auf den heutigen Tag. Und zwar lebt er in einer 1-Zimmer-Wohnung im Welschdörfli. In schlaffem Zustand misst er 3,75 Meter, in erigiertem Zustand ist er letztmals im 8. Jahrhundert beobachtet worden, da soll er über 60 Meter hoch gewesen sein. Churs Penis führt ein einsames, zurückgezogenes Leben, wenige wollen etwas mit ihm zu tun haben, was damit zusammenhängen mag, dass er sich seit 5000 Jahren nicht mehr gewaschen hat. Einsam und verrunzelt hockt er in seiner Wohnung und schaut fern, am liebsten mag er den "Zischtigs-Club" auf SF DRS. Er ist ein grosser Fan von Ueli Heiniger, seine kritische Art imponiert ihm. Zwei- oder dreimal im Jahr kriegt er Besuch von befreundeten Schwänzen aus Wallisellen und Rorschach und einem traurigen Seckel aus Mels. Die Geschichte von Churs Schwengel - es ist eine traurige Geschichte. Gehen Sie ihn doch mal besuchen, er würde sich bestimmt riesig freuen!
Bis zum nächsten Mal verbleibe ich mit den besten Grüssen Ihr
Gion Mathias Cavelty
Hallo! Heute wollen wir uns zum zweitletzten Mal über das "wahre Wesen Churs" unterhalten. Nach Dickdarm, Hirn und Geschlechtsorganen behandeln wir heute Churs Seele.
Die Seele ist ja kein Körperteil, gehört aber doch irgendwie "dazu". Schon die alten Griechen waren dieser Meinung. Bis heute hat man nicht herausgefunden, aus was für einem Stoff die Seele besteht oder wo im Körper sie zu lokalisieren ist.
Im Falle von Chur ist die Sache klar: Churs Seele ist der Media-Markt an der Raschärenstrasse 65. Dort gibt es alles, was das Herz begehrt! Dort bin ich mich selbst, dort bin ich meines Lebens froh! Immer, wenn mich Chur-unkundige Bekannte bitten, ihnen den schönsten Ort in Chur zu zeigen, fahre ich mit ihnen raus zum Media-Markt. Alle sind immer tief beeindruckt.
Jahrtausendelang war Churs Seele verschüttet. An dem Ort, wo heute der Media-Markt steht, wurden vor 7000 Jahren geheime Riten durchgeführt und massenhaft Jungfrauen geopfert, und zwar Seruchat, dem Gott der Unterhaltung. Und die Opfer haben sich gelohnt! Die tollsten Videos gibt es im Media-Markt, für ganz wenig Geld. Für nur 9 Franken 90 habe ich mir letzthin den grandiosen Film "Der Zombie hing am Glockenseil" gekauft. Schon Dutzende Male habe ich ihn mir angeschaut, und musste dabei immer voller Dankbarkeit an meine Heimatstadt denken.
Im Media-Markt komme ich mir wie in Amerika vor. Der Media-Markt ist für mich das Reich der unbegrenzten Möglichkeiten. All die technischen Geräte, die es dort gibt - schlicht atemberaubend! Obwohl ich in meinem Leben wahrscheinlich nie einen elektrischen Fussnagelschneider brauchen werde - allein das Wissen, dass es so ein Ding im Media-Markt gibt, ist unglaublich wohltuend und beruhigend.
Im Media-Markt atmet Chur Grösse und Majestät. Möge er noch lange bestehen!
Bis zum nächsten und letzten Mal, Ihr
Gion Mathias Cavelty
Das ist die letzte Folge unseres Kurses „Das wahre Wesen Churs“ - Chur ist ja, nach einer uralten okkulten Theorie, eine gigantische lebende Wesenheit, und wir haben uns im Laufe des Jahres mit Churs Dickdarm, Churs Hirn, Churs Geschlechtsteil und Churs Seele befasst.
Viel zu kurz war die Zeit - weder konnten wir über Churs Lymphgefässsystem, Churs Wirbelsäule, Churs Herz noch Churs Haarschuppen sprechen.
Ein paar philosophische Fragen, die mir immer wieder zu Chur gestellt werden, im Schnelldurchlauf:
So, das soll genügen! Man soll dann aufhören, wenn es am schönsten ist. Respektive dann, wenn einen Mathias Balzer an einem Montagmorgen um 9.15 Uhr aus dem Bett klingelt und einem mitteilt, man solle unverzüglich die Kolumne für das November-/Dezemberheft abliefern, das müsse heute noch in Druck und so weiter und so fort.
So verabschiede ich mich von Ihnen, treue Leserinnen und Leser, und hoffe, dass Ihnen diese Kolumne geholfen hat, Chur mit etwas anderen Augen zu sehen. Oder auch nicht.
Auf Wiedersehen, Ihr
Gion Mathias Cavelty