Die Sonntags-Zeitung bezahlt mir Ferien nach Wahl! Phantastisch! Ich bin schon ewig nicht mehr weggekommen! Mit den 80 Rappen, die ich pro verkauftes Buch verdiene, kann ich mir gerade ab und zu einen Ausflug ins Connyland leisten. Keine Frage: ich will nach Finnland zu den Lappen. Da wollte ich schon mein ganzes Leben lang hin. "In Finnland ist noch Platz für Sommerträume. Die Freiheit kennt keine Grenzen", schwärme ich meiner Freundin vor, "Und die Sonne wird nie mehr untergehen. Wir nehmen den nächsten Flieger." - "Du hast aber versprochen, mich nach Cleveland zu begleiten!" erwidert M. frostig. Ihre Schwester verbringt dort ein Austauschjahr, und M. will sie unbedingt besuchen - mit mir im Schlepptau.
Cleveland! Kann es einen trostloseren Ort auf Erden geben? Hastig angestellte Recherchen bestätigen: nein. Paul Newman ist dort geboren worden. Das ist alles. ICH WILL DORT NICHT HIN! Verzweifelt sende ich ein Stossgebet an den rauschebärtigen Ukko, Hochgott der Finnen und Herr über Blitz und Donner, er möge Cleveland in Schutt und Asche legen - vergebens. Nach 12-stündigem Flug landen wir. Es ist stockdunkel, arschkalt und schüttet wie aus Kübeln. Die Rezeptionsdame im "Holiday Inn" sieht aus wie die Literaturkritikerin Pia Reinacher - ich erschrecke fast zu Tode. Grauenvoller hätte mein Aufenthalt nicht beginnen können.
Bei Tageslicht zeigt sich schnell: Cleveland ist noch öder als befürchtet. Die nächsten Tage soll es zudem auch noch schneien. Was tun, wenn man nicht an Depressionen zugrunde gehen will? Ein Anruf bei der Finnischen Gesellschaft müsste die Rettung sein - die Finnen werden uns mit ihrem kauzigen Humor bestimmt wieder auf die Beine bringen. Leider ist auch ihnen nicht zum Lachen zumute. Ein Vorstandsmitglied ist soeben an Magenkrebs gestorben, "and this tragedy has left the few of us Finns in the area heartbroken", teilt mir Herr Collins mit (ausgesprochen finnisch kommt mir der Name ehrlich gesagt nicht vor). Man habe alle Aktivitäten auf Eis gelegt.
Ein harter Schlag für mich. Aber ich werde mein Finnland trotzdem finden! Zum Beispiel im Rock'n'Roll-Museum mit der Hall of Fame. Darin werden meine bevorzugten skandinavischen Black- und Deathmetal-Bands wohl angemessen vertreten sein, denke ich mir. Fehlanzeige! Nicht einmal die Urgrossväter des Heavy-Metal, Black Sabbath und Deep Purple, sind aufgenommen worden. Stunden vergehen und ein halbes Dutzend Instanzen müssen durchlaufen werden, bis wir endlich die Genehmigung erhalten, EIN Foto zu machen - von einem riesigen hässlichen Plastik-Hot-Dog, der an der Decke hängt und den Clevelandschen Rock'n'Roll perfekt auf den Punkt bringt. "Cleveland will rock you!" lautet der offizielle Werbeslogan der Stadt. Wer sich den ausgedacht hat, ist nie da gewesen.
Etwas Gutes zu Essen sollte mich über die gröbsten Frustrationen hinwegtrösten. In einem Restaurant möchte ich finnische Spezialitäten haben und denke dabei an Graavi lohi (gebeizter Lachs) und Rapu (Flusskrebse), gefolgt von Poronkäristys (Rentiergeschnetzeltes) und Kiisseli (Beerengrütze). Haben sie alles nicht- es gibt Fries, Baby! "Mitternachtssonne" ist hier ebenfalls ein Fremdwort.
Niedergeschmettert fahre ich in den Zoo. In einem lieblos eingerichteten Gehege erspähe ich ein Rentier. Ein prachtvolles Geschöpf! Als es die traditionelle lappische Wollmütze auf meinem Kopf entdeckt, kann es sich vor Freude kaum noch beherrschen. "Endlich hast du mich wieder, Finnland!" denkt es überglücklich, ganz Bruder im Geiste. Doch das Schicksal hat es nicht gut mit ihm gemeint. Es ist eingesperrt! Es kann nicht raus! Es geht ihm wie mir in diesem FUCKING Cleveland. Halb betäubt vor Trauer stolpere ich zum Ausgang des Zoos. Dort steht ein primitiv grinsender Wärter, der haargenau aussieht wie der Literaturkritiker Andreas Isenschmid - vor Schreck bleibt mir fast das Herz stehen. HÖRT DAS DENN NIE AUF? Ich renne, renne, was meine Beine hergeben.
Im Hotelzimmer spiele ich lange mit dem riesigen Tranchiermesser, das meine Freundin Howard als Geschenk aus der Schweiz mitgebracht hat. Howard ist der Gastvater ihrer Schwester, Psychiater und angefressener Hobbykoch. "To Howard, the great Cook" hat M. in die Klinge eingravieren lassen. "The Haunted made me do it" hätte ich besser gefunden. Blutige Gedanken schiessen mir durch den Kopf. Vielleicht ist es nicht gut, dass ich vor der Abreise noch "American Psycho" gelesen habe. Ich starre aus dem Fenster: der Himmel ist grau, es regnet ununterbrochen, ab und zu huscht ein potentielles Opfer geduckt über eine Strasse.
Am Abend sind wir bei Howard zum Essen eingeladen. Er sieht aus wie Thomas Hürlimann - vor Entsetzen falle ich fast tot um. Das Messer gefällt ihm, und auch seine ganze Familie und M.'s Schwester haben Freude daran. Howard erzählt von ein paar Patienten, zum Beispiel dem Mafia-Hitman aus Little Italy in Cleveland, dem sein Job zu stressig geworden ist - genau wie Robert de Niro in "Analize this"! Ich komme mir sowieso vor wie in einem Film - einem SCARY MOVIE.
"Helfen Sie mir, Doktor! Ich bin nicht mehr Herr der Lage! Können Sie den Angstschweiss auf meiner Stirn riechen?" flüstere ich Howard zu und schlucke ein paar mal leer. "Stellen Sie sich vor: Ich muss einen Artikel über Cleveland schreiben. Und es wird erwartet, dass er einen gewissen, Zitat, "Nutzwert" für die Leser hat. Einmal abgesehen davon, dass ich noch nie etwas mit einem Nutzwert geschrieben habe: Cleveland macht mich so unendlich traurig, dass ich wünschte, ich wäre nie geboren worden ..."
"Jetzt übertreiben Sie aber", unterbricht mich Howard. "Meinen Sie nicht?"
"Also ... warum meinen Sie?"
"Warum meinen SIE dass ich meine dass Sie meinen?"
So geht das eine Weile, bis mir Howard väterlich die Hand auf die Schulter legt.
"Cleveland ist in Wirklichkeit ungemein spannend. Fahren Sie nach Osten, vorbei an den kalten Businesshochhäusern der Innenstadt und dem Theater District mit dem Playhouse Square Center, Amerikas zweitgrösstes Theaterdistrikt nach New York übrigens. Nach kurzer Fahrt über die Euclid Avenue kommen Sie zum University Circle, Clevelands kulturellem Zentrum. Dieser Stadtteil wird auch "neues Athen" genannt, weil sich auf bloss einer Quadratmeile die landesweit dichteste Konzentration an kulturellen Blüten und renommierten Ausbildungsstätten befindet. Statten Sie dem Cleveland Museum of Art einen Besuch ab. Seine Kollektion umfasst über 34'000 Stücke, von ägyptischen Statuen bis impressionistischen Meisterwerken. Gleich daneben finden Sie das Hauptquartier des Cleveland Orchestra, die Severance Hall, soeben für 36 Millionen Dollar renoviert. Eine prachtvolle Konzerthalle, wie sie sich für ein internationales Spitzenorchester gehört."
"Glauben Sie, das ist wichtig für meinen Artikel?" erkundige ich mich, ein wenig schläfrig geworden. "Kann ich noch einen Sprutz Bratensosse haben, bitte?"
"Interessieren dürften Sie auch die Suburbs, Clevelands eigentliche Wohngebiete", fährt Howard fort. "Wenn Sie sich die Zeit nehmen, ein bisschen durch die Gegend zu fahren, werden Sie schmucke, autarke Gemeinschaften voller Leben zu Gesicht bekommen, in denen märchenhafte Villen bereits ab 170'000 Dollars zu haben sind. Minuten später fahren Sie durch völlig heruntergekommene Neighborhoods, in denen Sie eine Autopanne besser vermeiden. Unsere Puppenhäuschen- haben mit den Barackenquartieren eigentlich nur etwas gemeinsam: Hier wie dort reiht sich Kirche an Kirche. Es gibt über 1500 Glaubenshäuser in Cleveland, vom imposanten Steingebäude bis zum notdürftig zusammengezimmerten Freilufttempel. The Wonder of Christmas Bethany- steht Schulter an Schulter mit The Glad Assembly of Free Will New Hope Church ..."
"Ich weiss nicht so recht", kommentiere ich. "Sagen Sie mal, ist es normal, dass Ihre Katze immer mit dem Kopf gegen die Wand rennt?"
"Wie Sie sicher bemerkt haben, ist die Innenstadt kaum bewohnt und nach Geschäftsschluss menschenleer", führt Howard weiter aus. "Dafür gibt es folgenden Grund: In den 70er Jahren brannte der durch die Stahlindustrie sündhaft verdreckte Cuyahoga-River lichterloh und zerstörte mehrere Brücken und anliegende Wohngebiete. Für die Amerikaner wurde Cleveland über Nacht zum Schreckensbild einer schmutzigen und verslumten Industriestadt. Wer konnte, floh in die malerischen Aussenbezirke. Diesen Trend versucht man nun umzukehren, indem man viel Geld für die Aufwertung des Stadtkerns ausgibt. Dazu gehört zum Beispiel der fortschreitende Ausbau der Hafenanlage, wo bereits das Rock 'n' Roll Museum, das Great Lakes Science Center und das Cleveland Brown Football Stadion stehen. Auch das Historic Warehouse District im Westteil ist mit einer kleinen Einkaufsmeile, trendigen neuen Restaurants und Clubs Beweis dafür, dass es mit dieser Stadt bergauf geht. Heute wird Cleveland selbstbewusst als "The New American City" angepriesen, und die Stadt zeigt tatsächlich starke Anzeichen eines urbanen Phönix' aus der Asche."
"Das freut mich von ganzem Herzen!" entgegne ich und versuche, aufgestellt zu lächeln.
"Machen Sie einen kurzen Abstecher ins pittoreske Little Italy, wo riesige Mortadellas im Schaufenster hängen und es richtigen Kaffee gibt", schwärmt Howard. "Oder das daneben gelegene Coventry Village, ein ehemaliges Hippieviertel mit aufgeräumtem Charakter. Dort sollten Sie im berühmtesten vegetarischen Restaurant Clevelands essen. Empfehlenswert ist auch ein Besuch der Buch- und Plattenläden, die voll von Raritäten und Bootlegs mit Sammlerwert sind. Weiter lege ich Ihnen eine Besichtigung der Flats nahe, ein ehemaliges Hafenviertel, das vor noch nicht allzu langer Zeit zu einem Vergnügungsviertel ausgebaut wurde und im Sommer mit Musicclubs und Restaurants lockt. Im Frühling wirken die bunten, schäbigen, an Jahrmarktbuden erinnernden Gebäude und die leeren Strassen zwar einsam und verlassen, aber das sollte Sie nicht davon abhalten, sich die rostigen ausrangierten Brücken anzusehen, die sich hoch über den Cuyahoga wölben. Wenn man dort am Fluss steht, kann man erahnen, wie die Stadt aussah, als Eisen-, Stahlerzeugung und Erdölraffinerien sie noch prägten. Man trifft auch heute noch auf ein eisernes Halsband von rauchenden Schornsteinen rund um die Stadt, die in der Nacht wie in einem Endzeitfilm meterhohe Feuersäulen ausspucken, die Wasserqualität ist heutzutage jedoch einiges besser. Im Eerie-See kann man ab Juni fischen, baden und sonstigen Wassersport betreiben. Wie wär's mit einer Segeltour auf meiner "Teabiskuit"?"
"Danke, lieber nicht", lehne ich ab. "Es könnte mir ja gefallen, und dann müsste ich etwas Positives über Cleveland schreiben. Das passt nicht in mein Konzept."
"Haben Sie morgen abend schon was vor?" fragt Howard.
"Ja, ich wollte mir im Hotelzimmer zum sechsten Mal "Drei Engel für Charlie" anschauen."
"Ich habe noch Karten für ein Baseballspiel. Die "Cleveland Indians" nehmen sich Detroit vor. Die Identifikation mit ihrem Team schweisst die ganze Stadt zusammen. Das ist ein Erlebnis, das Sie sich nicht entgehen lassen dürfen!"
Am nächsten Tag sitzen wir tatsächlich - wie's kam, weiss nur der Wind - im mit 40'000 Fans vollbesetzten Jakob's Field Stadion. Alle tragen eine Schildmütze mit einem zähnefletschenden Indianerkopf vorne drauf und stopfen Peanuts in sich hinein. So auch Howard. Mit funkelnden Augen erklärt er mir jede noch so kleine Bewegung seiner Idole auf dem Rasen. Baseball ist, im Gegensatz zur landläufigen Meinung, ein extrem simples Spiel. Das gefällt mir. Plötzlich packt mich ein rosafarbenes Monstrum (das lebensgrosse Maskottchen Slider, das während der Partie für Stimmung im Publikum sorgen soll, wie mir Howard enthusiastisch erklärt) am Arm und will mit mir tanzen. Es sieht aus wie die Literaturkritikerin Gunhild Kübler - ich habe mich nicht mehr unter Kontrolle und schreie wie am Spiess, worauf Slider betrübt abzieht.
"Howard, helfen Sie mir!", stöhne ich. "Ich werde verfolgt! Von verabscheuenswerten Exponenten der Schweizer Literaturszene! Es ist zum Verrücktwerden! Überall sind sie. Sie lassen mich nicht in Frieden. Was soll ich bloss tun?"
"Sie müssen sie töten", antwortet Howard langsam. "Sie müssen Rakkaampaa finden, den magischen Mörser, welchen der mythische Schmid Ilmarinem aus den eisernen Hodensäcken der Ahti-Riesen geschmiedet hat. Darin müssen Sie die Köpfe der Literaturtrottel zertrümmern und danach ihre Herzen essen. Dann werden Sie frei sein."
"Und wo finde ich diesen Mörser?"
"Ganz hoch im Norden von Finnland unter der magischen Fichte Jokke."
Ich weiss, was ich zu tun habe. Ich richte meinen Blick gen Himmel. Die finnische Nationalhymne geht mir durch den Kopf: "Oi maamme, Suomi, synnyinmaa, soi, sana kultainen ..." - "O Heimat, Heimat, unser Land, kling laut, du teures Wort! Kein Land, so weit der Himmelsrand, kein Land mit Berg und Tal und Strand, wird mehr geliebt als unser Nord, hier unsrer Väter Hort ..."
Und ich marschiere los.
Werde ich die magische Fichte finden? Hoffentlich erfahren Sie es bald!
Flüge: Swissair fliegt täglich nonstop von Zürich nach Chicago. Swissair-Partner American Airlines fliegt mehrmals täglich nach Cleveland. Um die 1200 Franken.
Unterkunft: Renaissance Cleveland Hotel, 24 Public Sq., 001216-695-5600: Elegantes, im zentralen Tower City Gebäude gelegenes Hotel. 139-179 Dollar pro Nacht.
Restaurants: Tommy's, 1824 Coventry, 001216-321-7757: Legendäres vegetarisches Restaurant, von einem 17jährigen gegründet und bisher dreimal abgebrannt. Leckere Milkshakes.
Pier W, 12700 Lake Ave. at Winton Place, 001216-228-2250: Schickes Restaurant in Schiffform, direkt in die westlichen Klippen gebaut. Bezaubernde Aussicht auf den See und die Stadt.
Watermark Restaurant, 1250 Old River Rd, East Bank of the Flats, 001216-241-1600: Das älteste Restaurant in den Flats. Spektakuläre Fluss- und Brückensicht.
Cleveland ChopHouse & Brewery, 824 West St. Clair Ave., 001216-623-0909: Junges aufgestelltes Personal. Essen eher europäisch. Die Karte mit dem selbstgebrauten Bier kann sich sehen lassen.
To See: Cleveland Orchestra, 11001 Euclid Ave., 001 216-231-7300: Starorchester mit internationaler Ausstrahlung in prachtvoller Konzerthalle.
Rock and Roll Hall of Fame and Museum, 1 Key Plaza, 001888-764-ROCK: Wer auf traditionellen Rock der eher amerikanischen Sorte steht, kommt hier aus seine Kosten.
Cuyahoga Valley Scenic Railroad, 001-1-800-468-4070, www.cvsr.com: Wer sich nach etwas Grün sehnt, dem wäre ein Ausflug in einen der Metroparks zu empfehlen. Ganztägige geführte Exkursionen und Wanderungen sind möglich. Ab 11 Dollar.