Home

Je dicker desto Dichter (7. Kolumne) von Gion Mathias Cavelty

Am Mittwoch war Silvester, ich hoffe, Sie haben die Chance beim Schopf gepackt und sich vorgenommen, 2004 endlich mit dem Lesen aufzuhören. Ich selbst bin ja schon seit vielen Jahren Nichtleser, und nie bin ich froher darüber als Ende Dezember, wenn ich diese Karten mit den Neujahrswünschen nicht lesen muss. Erstens steht sowieso immer das gleiche langweilige Zeug drin und zweitens hat mir noch nie jemand eine geschrieben. Über diesen traurigen Umstand tröste ich mich jeweils dadurch hinweg, dass ich die letzte Dezemberwoche nur mit Essen verbringe. Ja, ich will der dickste Schriftsteller der Schweiz werden! Moment steht mir zwar Hugo Lötscher noch vor der Sonne, aber ich hole beharrlich auf. Schreiben dicke Schriftsteller eigentlich auch dicke Bücher? Oder stammen die feistesten Schwarten von extrem Dünnen, die sich dadurch mehr Gewicht verschaffen wollen? Gibt es ein Idealgewicht, bei dessen Erreichung man schlagartig zu schreiben aufhört? Ich wollte es genau wissen und habe zur Klärung dieser Fragen ein paar Dichterkollegen angerufen, als erstes Rosamunde Pilcher (viele Leser wissen nicht, dass sie eigentlich Bill Doughnut heisst und ein ehemaliger Offizier der Britischen Marine ist ... sie ist übrigens am ganzen Körper tätowiert, mit vollbusigen Meerjungfrauen und so ...). Laut ihren Angaben hat sich beim Verfassen ihres 623seitigen Bestsellers „September“ 181 Kilo gewogen, wohingegen sie während der Entstehungszeit von „Die Muschelsucher“ (703 Seiten) deren 217 auf die Waage brachte (Kommentar Pilcher: „Damals habe ich allerdings auch jeden Abend ein gebratenes Schwein verputzt, ha ha!“). Weitere ermittelte Daten: Adolf Muschg, „Der rote Ritter“, 1006 Seiten, 252 Kilo (Muschg: „Mann, war ich ein verrücktes Huhn!“); Martin Bundi, „Zur Geschichte der Flurbewässerung im rätischen Alpengebiet“, 342 Seiten, 81 Kilo (Bundi: „Tempi mutant!“). Nächstes mal: mehr indiskrete Zahlen aus der Welt der Dichter und Denker! Bleiben Sie dran!

 

Seevogel-Voodoo? (8. Kolumne) von Gion Mathias Cavelty

Ich bin nie müde geworden, Ihnen an dieser Stelle die Vorteile des Nichtlesens unter die Nase zu reiben. Wie viel Mist Ihnen doch erspart bleibt, wenn Sie nicht lesen! Ich bin mittlerweile schon so konsequent, dass ich nicht einmal mehr meine eigenen Sachen lese. Meistens ehrlich gesagt aus dem Grund, dass ich nicht mehr lesen KANN, was ich geschrieben habe. Für die heutige Kolumne zum Beispiel hatte ich eine grossartige Idee, wobei „grossartig“ stark untertrieben ist. Es war schlicht und einfach die brillanteste, atemberaubendste und genialste Idee, die ich je hatte. Sie kam mir gestern um vier Uhr nachts im Schlaf. Schweissgebadet fuhr ich hoch und notierte sie sofort auf ein Stück Papier, damit sie ja nicht verloren gehen konnte. Danach sank ich selig ins Bett zurück. Endlich würde ich meinen treuen Lesern aus dem Aargau die ultimative intellektuelle Erleuchtung bieten können! Am nächsten Morgen dann die Ernüchterung: auf dem Zettel befand sich nur wirres Gekritzel. Was um alles in der Welt sollte das erste Wort bedeuten? „Secrumphu-Vodrö“? Oder doch eher „Seejungfrau-Volvo“? Oder gar „Seevogel-Voodoo“? Was konnte ich damit bloss gemeint haben? Danach kam etwas, das wie „Telefon! Telefon!“ oder auch „Teflon! Teflon!“ aussah. Hatte ich eine Kolumne über Teflon schreiben wollen? Grosser Gott, wieso? Ich habe zu Teflon nicht die geringste Beziehung! Gut, ich hatte mal einen Regenmantel mit Teflon-Beschichtung, welcher eines Tages auf höchst mysteriöse Weise verschwand, aber der dürfte für meinen alles überragenden Gedankengang kaum eine Rolle gespielt haben - diese alles in den Schatten stellende Erkenntnis, die wohl für immer verloren ist. Wie gerne hätte ich sie an Sie weitergegeben! Wussten Sie übrigens, dass Urs Richle gar nie ein Buch mit dem Titel „Das Loch in der Decke der Stube“ schreiben wollte? Schuld daran war einzig seine unleserliche Handschrift! Eigentlich hatte er sich im Halbschlaf notiert gehabt: „Der Docht im Rektum der Stute“. Weitere Beispiele folgen!

 

Das I, mein Freund (9. Kolumne) von Gion Mathias Cavelty

„Kleiner Igel - Du musstest nie Thomas Hürlimann lesen /
Bruder Bär - Du weisst von Zoë Jenny nichts /
Was kümmert’s den Bartgeier , wenn Urs Widmer wieder ein neues Buch veröffentlicht /
Gelassen zieht er seine Kreise /
Gute Reise!“
Meine heutige Kolumne wollte ich auf poetisch-nachdenkliche Weise eröffnen, und für die Quote ist es immer gut, wenn Tiere vorkommen. Was wäre „Lassie“ ohne „Lassie“, was „Die Sendung mit der Maus“ ohne Maus, was die „Kastelruther Spatzen“ ohne Spatzen? Aber es ist effektiv so: Tiere müssen nicht lesen, ich weiss nicht, ob Sie sich darüber schon einmal Gedanken gemacht haben. Tiere müssen auch nicht in die Schule, wo man ja die Buchstaben kennen lernt, die 26 Bausteine, mit denen pausenlos neue Texte erschaffen werden. Erschreckend, aber wahr: pro Sekunde werden weltweit 2 Milliarden Buchstaben missbraucht! Jedermann darf sich ungehindert auf ein wehrlos vor sich hinstrampelndes ‚A’ oder ‚B’ oder ‚C’ stürzen und damit machen, was er will! Zum Beispiel kann er die armen Geschöpfe nach Lust und Laune in enge schmutzige Käfige sperren, oder noch perfider: sie zu Romanen verwursten! Und niemand hört ihr Schreien! Der erste Buchstabe, der mir in der Schule präsentiert wurde, war ein „I“. Es schwamm in einem Glas Formaldehyd und hatte ein Loch in der Herzgegend. Ich bekam sofort Mitleid mit ihm und wollte es befreien, es zum Fenster hinausfliegen lassen oder ins Klo spülen, damit es das grosse weite Meer erreichen konnte. Aber meine Pläne wurden durch den grausamen Lehrer Herr H. vereitelt. Er zwang mich und die ganze Klasse, ein „I“ nach dem anderen in unsere Hefte zu schreiben, Hunderte von Is, Tausende von Is. „I wie Igel ... I wie Igel!“, sagte er eins ums andere Mal mit kalter, schneidender Stimme. Das ist mir vorhin eben wieder eingefallen, darum habe ich auch schnell das Gedicht mit dem kleinen Igel gemacht. Ich hoffe, es hat Sie zum Nachdenken angeregt. Ein besinnliches Wochenende wünscht
Gion Mathias Cavelty

 

Vom Schreien und vom Schreiben (10. Kolumne) von Gion Mathias Cavelty

Meine letzte Kolumne handelte vom Buchstaben I, und deshalb betitelte ich sie mit „Das I, mein Freund.“ Erschienen ist sie unter dem Titel „Das ist mein Freund.“ Ein Bekannter schickte einst einen Leserbrief an eine Zeitung, der im Satz gipfelte: „Bäume können nicht schreien“. „Bäume können nicht schreiben“, lautete dann allerdings der Satz, der abgedruckt wurde. Das ist zweifellos richtig, Bäume können nicht schreiben, aber das hat mein Bekannter nicht geschrieben (und er hat es auch nicht geschrieen). „Korrektoren“ heissen die Leute, welche alle zu druckenden Artikel nach vermeintlichen Fehlern durchforsten und, wenn ihnen etwas verdächtig vorkommt, gnadenlos einschreiten. Ich habe noch jede Menge Beispiele, wie Korrektoren eingegriffen haben ... aus einem „diplomatischen Stander“ („Diplomatenflagge“) haben sie zum Beispiel einen „diplomatischen Ständer“ gemacht, was den Text natürlich völlig ruiniert hat ... Sie sehen, liebe Leserinnen und Leser: Der Korrektor ist der mit Abstand mächtigste Mann bei einer Zeitung. In seiner Hand allein liegt es, wie Ihnen ein Text schlussendlich zu Augen kommt. Damit jemand Korrektor werden kann, muss er zuerst eine dreijährige Ausbildung in einem Militärcamp in Sibirien absolvieren. Dort lernt er, wie man Kommas verprügelt, Konsonanten auspeitscht, Nebensätze vierteilt und ganze Texte in Schutt und Asche legt. Und nur die brutalsten Exemplare werden dann auf die Menschheit losgelassen. Ich mache jetzt besser Schluss, sagen Sie dem Korrektor der Aargauer Zeitung bitte nicht, dass Sie das hier gelesen haben!
Bis zum nächsten Mal, Ihr professioneller Nichtleser
Gion Mathias Cavelty

P.S.: Falls Ihnen diese Kolumne nicht gefallen hat, ist der Korrektur schuld. 

P.P.S.: CAVELTY DU BLÖDES A****LOCH ICH LASSE MICH HIER DOCH NICHT VON DIHR ZUR SCHNECKE MACHEN WARTE NUR BIS DU MIHR IN DIE FINGER GERÄTST DANN GNADE DIHR GOTT DU ARROGANTER W***SER VIELE GRÜSE VOM KORREKTOR DIESES TEXTES!!!!!!

 

Tod durch Schüttelreim (13. Kolumne) von Gion Mathias Cavelty

Jetzt ist es wissenschaftlich bewiesen: Lesen, Schreiben und Denken sind lebensgefährlich! Laut einer Studie der California State University werden Lyriker durchschnittlich 62.2, Dramatiker 63.4, Romanautoren 66.0 und Sachbuchautoren 67.9 Jahre alt! Zum Vergleich: Profisurfer sterben im Durchschnitt mit 72.4, Hundefriseure mit 76.6 und Piercingstudio-Besitzer mit sage und schreibe 88.9 Jahren! Das sollte einem zu denken geben - oder eben gerade nicht! Vergessen Sie den letzten Satz lieber, wenn Sie Ihre Lebensdauer nicht um 2.4 Minuten verringern wollen! Ja-ha! Jeder Gedanke, den Sie haben, verkürzt Ihr Leben um genau diese Zeitspanne! Einem Gedanken nachzugehen kostet Sie sogar 3.3 Minuten! Einen Gedanken zu verfolgen: 5.1 Minuten! Einen Gedanken festzuhalten: satte 7.5 Minuten! Jetzt sehen Sie einmal, welcher Gefahr ich mich hier regelmässig für Sie aussetze - zählen Sie nur einmal die Gedanken, die bis jetzt schon in dieser Kolumne vorgekommen sind, und multiplizieren Sie das Resultat mit 7.5 ... mein Gott, eigentlich müsste ich schon lange tot sein, wenn wir die durchschnittliche Lebensdauer eines Kolumnisten (65.8 Jahre) als Basis nehmen ... Zur Abwechslung kommt jetzt aber auch einmal eine gute Nachricht: für jeden Gedanken, den Sie nicht, ich wiederhole: nicht haben, wird ihnen 2.4 Minuten Lebenszeit gutgeschrieben! Also: möglichst viele Gedanken nicht haben, und Sie schaffen’s ins nächste Jahrtausend!
Im Folgenden noch eine kurze Auflistung von Dingen, die zu tun Sie sich gescheiter zehnmal überlegen:
- Einen Schüttelreim zu schütteln: kostet sie 4.5 Minuten Ihres Lebens
- Einen Stabreim mit auf die Wanderung zu nehmen: 5.0 Minuten
- Einen blöden Spruch zu klopfen: 1.4 Minuten
- Einen Hendecasyllabus in Umlauf zu setzen: 11.0 Minuten (!)
- Ein Palindrom quer durch den Garten zu jagen: 1.3 Minuten
- Anagramme zu verteilen (z.B. „vereiteln“ oder „verleiten“): 1.4 Minuten pro Stück
- Autogramme zu verteilen: 0.3 Minuten pro Stück
- Hologramme zu verteilen: 1.1 Minute pro Stück