Biographie aus "Neues Handbuch der deutschen
Gegenwartsliteratur"
Gion Mathias Cavelty wurde am 4. 4. 1974 in Chur,
Kanton Graubünden, als erster Sohn der Familie Cavelty geboren.
Schon früh malte und zeichnete er Comics, schrieb witzige kleine
Geschichten (die erste Publikation erfolgte mit 14 Jahren) und verfasste Theaterstücke.
Kindergarten, Primarschule und Gymnasium durchstürmte er in Windeseile, entdeckte unterwegs noch die Liebe zum Heavy Metal und begab sich im Alter von 19 Jahren in die welschschweizer Fremde, nach Fribourg. Dort wollte er Romanistik studieren, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch.
Einsame Jahre verbrachte er in der kleinen Stadt, nur in Begleitung seiner Schreibmaschine und seines treuen Begleiters Dante, einem schwarzen Pudel, dem er schon bald das Rauchen beibrachte. So qualmten die beiden die kleine Studentenbude im ehrwürdigen Kapuzinerkloster voll und arbeiteten weiter an einem Buch, das unter dem Namen "Quifezit" einst Furore machen sollte. Bereits mit 17 Jahren hatte der Dichter diesen seinen ersten Roman begonnen und nun vollendete er es mit Hilfe seines schwarzen Pudels zu einem Meisterwerk.
An den Solothurner Literaturtagen 1994 las Gion Mathias Cavelty im offenen Block und sein Text liess aufhorchen: Sogleich gingen Angebote von diversen Verlagen ein. Doch Dante hatte ihm geraten, noch etwas zu warten, und siehe da, das Warten lohnte sich: Der Suhrkamp Verlag, ja sogar Herr Unseld persönlich, nahm sich des Poeten an. So kam es zur Veröffentlichung der edition suhrkamp 2001, Quifezit oder eine Reise im Geigenkoffer, ein Buch, das viel Beachtung fand.
Gion Mathias Cavelty setzte sich unterdessen mitnichten auf die faule Haut: Ein entfernter Bekannter von ihm vermittelte ihm ein Atelier in der Roten Fabrik am Zürchersee, wo er zusammen mit Dante hinzog und flugs den zweiten Band der Trilogie, "ad absurdum oder eine Reise ins Buchlabyrinth", verfasste. Dort am See entdeckte er auch seine Liebe zu seinem Eichhörnchen, worauf ihm Dante eine riesige Eifersuchtsszene machte. Gion Cavelty gab darauf das Rauchen auf und überliess es Dante, sich die Lunge zu teeren. Im Zeichen der Auflösung der langen Freundschaft verfasste der Poet auch noch den dritten und letzten Teil der Trilogie, "tabula rasa", in seinem Schreibfluss nur durch Nebensächlichkeiten wie den Ingeborg Bachmann Preis und Klagenfurt und ein paar Lesungen gestört.
Nach Abschluss der Trilogie trennte sich Cavelty endgültig von Dante. Gion Mathias Cavelty widmete sich seinem Eichhörnchen und verfasste Texte in Anthologien, Zeitschriften und anderen Medien und wandte sich auch dem Theater und dem Film zu.
Mit "Endlich Nichtleser" kehrte er auf die literarische Bühne zurück und sorgt seither mit seinen Nichtleseaktionen und seiner "Literaturshow" im Zürcher Jazzclub Moods für Aufsehen in der Literaturszene.
Nymphenburger Verlag, 2003
Cavelty, Gion Mathias, wurde am 4. April 1974 in Chur (Schweiz) als Sohn des Anwalts und prominenten Politikers der »Christlichdemokratischen Volkspartei« Luregn Mathias Cavelty geboren. Er studierte in Freiburg und Zürich Italienische und Rätoromanische Sprache und Literatur und siedelte dann nach Zürich über, wo er als Schriftsteller tätig ist und daneben literarische Texte für die Medien verfasst.
Im Erstling Quifezit oder Eine Reise im Geigenkoffer (1997) entwarf Cavelty mit antirealistischem Impetus eine skurrile Kunstwelt. Dennoch finden sich in dem auf eine Weiterung zur Trilogie hin angelegten Kleinroman Anzeichen dafür, dass der artifizielle Kosmos aus der poetischen Transformation eigener Jugenderfahrungen, etwa als bischöflicher Ministrant, entstanden ist. Der Ich-Erzähler lebt in einem Turm, über dessen Besitzer er nur werweissen kann, reibt sich an einem dogmatischen Quarkauflauf-Verbot und zieht schliesslich mit einem sprechenden Pudel aus in ein bizarres Universum. Dessen Wesen tragen P-Namen wie »Physiklehrer«, »Pianistin«, »Professor Passavanti«; des Autors Beharren auf einer autonomen, rein sprachlich motivierten Schöpfung bildet sich darin ab. Schreiben heisst »für ein paar Stunden Gott sein« (Cavelty, »Blick«, 2001); nur konsequent, dass schon in der ersten seiner literarischen Parallelwelten die physikalischen und psychologischen Gesetze der Realität ausser Kraft gesetzt werden. Klar auf der Hand liegen Bezüge zu Lewis Carrolls Alice im Wunderland, Jonathan Swifts Gullivers Reisen und Sindbad der Seefahrer. In ad absurdum oder Eine Reise ins Buchlabyrinth (1997) ist die poetologische Doktrin radikalisiert, dass Texte » so diffus, mehrdeutig und unsinnig wie möglich« sein sollen (Cavelty, »Basler Zeitung«, 1997). Die Handlungslogik selber wird mit grossen Dosen von Gegen- und Un-Sinn infiziert, Cavelty kleidet jedes Kapitel als Nische der Absurdität aus und verwendet dabei auch Versatzstücke der literarischen Tradition, etwa Borges’ Vorstellung der Unendlichen Bibliothek. Mit greenawayscher Grausamkeit ist ein Poetenmassaker geschildert, dieses Motiv wird im Theaterstück Das verlorene Wort (1998) wieder aufgenommen, in welchem 26 Schriftsteller einer mörderischen Geheimgesellschaft zum Opfer fallen. Im letzten Teil der Roman-Trilogie, tabula rasa oder Eine Reise ins Reich des Irrsinns (1998), kulminiert die narrative Selbstauflösung, indem gar das Trägermedium des Erzählens, die Sprache, angetastet wird. Schon im ersten Kapitel taucht ein Buch der verstümmelten Wörter auf, es folgen alchimistische Experimente mit dem Alphabet und dadaistisches Silbengestammel, bis endlich die Literatur zur urweltlichen Buchstabensuppe reduziert ist. Als heitere Etüde mutet der Roman Endlich Nichtleser (2000) an, eine Allen Carrs Sachbuch-Bestseller Endlich Nichtraucher! parodierende Anleitung, wie man sich das Lesen abgewöhnt. Zum Trash-Duktus gehört ein Rezept zur Ausweidung eines Literaturkritikers. Auf der Internet-Adresse www.nichtleser.com wird das provokative Spiel im virtuellen Raum fortgeführt.
Thomas Widmer
Werke Quifezit oder Eine Reise im Geigenkoffer, R., Ffm. 1997; ad absurdum oder Eine Reise ins Buchlabyrinth, R., Ffm. 1997; tabula rasa oder Eine Reise ins Reich des Irrsinns, R., Ffm 1998; Das verlorene Wort, Theaterst., Ffm 1998; Endlich Nichtleser. Die beste Methode, mit dem Lesen für immer aufzuhören, R., Ffm 2000; Der letzte Fall, Theaterst., Solothurn 2000.
last update 04/01/07
©Myriam Dunn